Am Erker 75

Ulrich Horstmann: Das vierte Floß der Medusa

 
Rezensionen
Ulrich Horstmann: Das vierte Floß der Medusa
 

Züge zu Kreuz und die Quer
Wolfgang Schröder

Ein imposantes Gemälde des Scheiterns aus menschlicher Ohnmacht ist "Das Floß der Medusa" (1819) von Théodore Géricault. Der Maler arbeitete an seinem Monumentalbild aufgrund etlicher Studien und Nachbildungsexperimente. Bis heute gibt es Werke verschiedener Metiers - Drama, Oratorium, Sachbuch, Film, Roman, Lyrik, Malerei, Skulptur -, die zu jeweils neuer, aktualisierender Interpretation der apokalyptischen Szene ansetzen, zuletzt "Das Floß der Medusa II" von Oguz Sen und Justus Becker. Die beiden Künstler möchten mit ihrem Acryl-Bild auf humanitäre Misslichkeiten der EU-Flüchtlingspolitik hinweisen. Zwar bildet das Kunstwerk von 2017 das Kunstwerk von 1819 ab; aber jede Neuschöpfung bringt ihr eigenes Sosein vor Augen. Abweichungen in der Wiederholung bestimmen das Phänomen der Nachahmung von Kunst durch Kunst. Davon handelt unter anderem Das vierte Floß der Medusa von Ulrich Horstmann. Die Ordnungszahl im titelgebenden Gedicht dieses Bandes erklärt sich durch die Reihe der Abbilder des historischen 'Originals', der skandalösen Plankenkonstruktion, des ersten Floßes. Dem folgte, wie das Gedicht 'erzählt', "das zweite", ein "Nachbau, / eins zu fünf" im Atelier ("Trockendock") des französischen Romantikers, eine Kulisse für das zu schaffende Gemälde. Danach entstand das Abbild dieses Abbilds, die "Riesenleinwand" selbst, also "das weltberühmte dritte Floß", das Kunstwerk. Als wäre auf weiterer Abbildungsstufe allein noch die von Machenschaft geprägte Kopie der 'Gestalt verzweifelter Hoffnung' durch schnöde Wirklichkeit zu erwarten, scheint nun das Urgeschehen des Drangs nach Rettung aus Unheil und Todesnot seiner Tiefe, seines Pathos beraubt zu sein. Während Technik mit Können protzt, bewegen den Zeitgenossen trostlose Fehlanzeigen: "Die vierten sind aus Luft, aus Gummiwülsten / und Kolbenfressern für den Außenbordmotor / ganz ohne Öl. Es gibt / aus hochgehaltener Tradition kein Netz, / und alle Stricke reißen wie am Anfang / ohne übertragenen Sinn." Als Titel für Horstmanns Buch hätte sich auch die erste Zeile des Gedichts "De profundis" geeignet: "Der Abgrund gähnt." Der Dichter nimmt die Metaphorik beim Wort, der Abgrund wird personifiziert, er ist der Krisen, der desaströsen Zeitläufte müde: "Eigentlich will er nichts / als seine Ruhe." Doch die elenden Schicksale, die sich dem Schlund der Vernichtung darbieten, werden nicht weniger. "Und wo früher einer abtauchte, / rudern heute ganze Bootsladungen / durch die Luft. / Der Abgrund schluckt." Der Doppeldeutigkeit der offenen Tiefe und des Ermüdetseins entspricht am Ende die Doppeldeutigkeit der Verwunderung und des Hinwegraffens.
Zu den Untieren auf den brüchigen Floßplanken der Gesellschaft, zu den unfreiwilligen Narren, den Verirrten und Monstren, zu den vielen absurden, peinlichen, typischen Momenten dieser Zeit gehören der "Amokläufer", der "am Tatort noch das Blut der Opfer auf[nimmt]", auch die mehrsinnigen Beispiele von "Materialermüdung" ("man steckt nicht drin in dem Geschirr"), der Auftritt von Feinschmeckern (Titel: "Umsonst") zur "Null-Diät", der "Karriereknicker" (seine "Karriere knickt nach oben"), die "Kaffeeklatscherin", die "Ausschnittsvergrößerung", die "Idiots savants" und, nun ja, "wir, die Abgefuckten". Alles wirkt eitel, man ist nicht bei Trost, man will weg, um "Traumstrandungen" zu erleben ("Exil, versündige dich nicht, / wäre zu hoch gegriffen"); im Schwange sind "Völkerwanderungen, / Wallfahrten, Züge zu Kreuz und die Quer / und dann die All-inclusive-Angebote für Millionen." Eine Abgrunds- und Tiefensicht aus der Höhe spiegelt die unerlöste Natur, das Reißen, Fressen, Gefressenwerden: "Es kreist der Geier, / es kreist das Blut in ihm / […], nur nicht / in seiner Beute." Die Supervision stellt Widersprüchlichkeit bloß: "Hat die Kurve nicht gekriegt, / das Aas, / und gliedert sich als Teil der Nahrungskette / doch wieder einem höheren Kreislauf ein, / in dem der Tod das Leben mästet, / sagt der eine Überflieger, / an dem das meiste faul ist und zum Himmel stinkt, / sagt der andere." Im Versbau spiegelt sich Dialektik. Schnittige, satirische Akzente setzt Horstmann durch seine Rap-Gedichte in diesem Buch. Die Sachverhalte und Diskursthemen, die zu Verdruss nötigen, verarbeitet er mit trotzigem Witz. Seine "Shanties" sind philosophische Moritaten, Reflexionen der Bildfindung gegen Begriffsstutzigkeit, gereimte und ungereimte Studien zum desolaten Stand der Kultur, zu Möglichkeiten und Grenzen heutiger Kunst und zur Wahrnehmungskritik, also Ästhetik.

 

Ulrich Horstmann: Das vierte Floß der Medusa. Shanties von Bord. 72 Seiten. Radius. Stuttgart 2017. € 18,00.