Am Erker 75

Mark Fisher: Das Seltsame und das Gespenstische

 
Rezensionen

Mark Fisher: Das Seltsame und das Gespenstische
 

Gleißende Systemrückstände
Simon Scharf

Existenziell werden Literatur und Theorie offensichtlich gerade dann, wenn sich Lebenswirklichkeit des Verfassers und Inhalt der Analyse gefährlich nähern: Der Suizid des britischen Kultur- und Poptheoretikers Mark Fisher im Januar 2017 weist auf eine solche Grenzüberschreitung hin. Tragisch ist dieser nicht zuletzt aufgrund der Tatsache, dass Fisher als wichtige intellektuelle Instanz des gesellschaftsanalytischen Pop-Diskurses eine durchaus prominente Position einnahm. Als Autor und Redakteur der Zeitschrift The Wire, Initiator des 'K-Punk'-Blogs und Dozent am Londoner Goldsmith College wurde er insbesondere durch seinen Text zum kapitalistischen Realismus zur gewichtigen Stimme. In einer aufgeklärten, weitreichend (durch)ökonomisierten Welt wird die Kunst für ihn zur gegenkulturellen "gespenstischen Unterseite des fahlen, alltäglichen Glanzes des zeitgenössischen Kapitals". Sie erweitert und intensiviert den eigenen und gesellschaftlichen Ausschnitt der Realität, fördert mehr noch das seltsame und gespenstische Andere, das bewusst Verdrängte der Wahrnehmung zu Tage. Gerade Fishers eigene Depression deutet allerdings auf die Skepsis gegenüber der letztlichen Veränderungsmacht von Ästhetik hin; sie wird, über seine Person hinaus, als negativer Effekt des kapitalistischen Wirtschaftssystems zum Politikum.

Die Kategorien des Gespenstischen und des Seltsamen werden auch zentral für den 2017 in deutscher Übersetzung veröffentlichten gleichnamigen Text. An Freuds Konzeption des Unheimlichen angelehnt, bedeutet das Seltsame für Fisher eine über den klassischen Genre-Bezug (Horror, Science-Fiction) hinausgehende Ästhetik der Störung. Eine damit verbundene "Entlassung aus dem Alltäglichen" meint außerdem, die üblichen und konventionellen Möglichkeiten der Erfahrung und Erkenntnis zu überwinden. In kenntnisreichen Exkursen in die Musik-, Literatur- und Filmgeschichte avancieren vor allem H.P. Lovecraft, H.G. Wells, Rainer Werner Fassbinder und David Lynch zu wichtigen Bezugspunkten dieser Idee: Auffällig sind dabei das literarische Spiel mit den Grundkonstanten Raum und Zeit und die Darstellung des Wahnsinns der handelnden Figuren (Lovecraft), die Unvereinbarkeit verschiedener Welten als Schwellenerfahrung des Dazwischen (Wells), die Verhandlung simulierter Welten bei Fassbinder und deren Weiterführung im filmischen Oeuvre David Lynchs. Dank seiner leichten und gleichzeitig begrifflich präzisen Sprache gelingt es Fisher, das Rezeptionsinteresse extrem offen zu halten, ohne die jeweiligen Facherwartungen zu enttäuschen.

 

Mark Fisher: Das Seltsame und das Gespenstische. Aus dem Englischen von Robert Zwarg. Mit einem Nachwort von Christian Werthschulte. 176 Seiten. Tiamat. Berlin 2017. € 18,00.