Am Erker 75

Thorsten Nagelschmidt: Der Abfall der Herzen

 
Rezensionen
Thorsten Nagelschmidt: Der Abfall der Herzen
 

Fiktion abschaffen?
Roland van Oystern

Thorsten "Torti" Nagelschmidt schickt in diesem Roman sein Alter Ego Nagel durch zwei Zeiten. Der eine Nagel erlebt 1999 den letzten Sommer seiner Kaff-Jugend zwischen Suff und Prügel und dem Ende der ersten großen Liebe. Während der andere, der Gegenwarts-Nagel, 2015 in Berlin rumhockt und sich Plots ausdenkt. Denn die Kohle ist fast futsch, ein neuer Roman muss her. Der schriftstellerische Schritt in die Fiktion soll außerdem unternommen werden. Doch worum, zur Hölle, soll's gehen? Vielleicht um "Die Kuba-Krise": Ein Durchschnitts-Pärchen will mit einem Pauschal-Urlaub auf Kuba neuen Schwung in die müde gewordene Beziehung bringen und wird dabei abhängig von Beruhigungsmitteln. Feuer und Flamme für diesen Krümel von einem Einfall, macht Nagel sich augenblicklich auf nach Kuba. Zur Recherche, versteht sich. One step after the other, wie der Anglizismenfreund sagt. Auf der Insel gammelt er betrunken herum und sucht mit simulierter Sackprellung ein Krankenhaus auf. Logisch, denn eine Szene soll in einem Krankenhaus spielen. Daheim im verregneten Deutschland hat er überhaupt keinen Bock, irgendwas über sein Pärchen zu schreiben. Erkenntnis: Das Pärchen nervt. Ärger noch: Fiktion nervt. Und eigentlich sogar jede potentielle Romanfigur, die nicht irgendwie er selber ist oder wenigstens mit ihm selbst in Beziehung steht. Die Lösung liegt auf dem Regal: Nagels alte Tagebücher, von denen seit '91 durchnummeriert 116 Ausgaben existieren. Die Ereignisse des Sommers '99 sind es, die ihm aufgrund seiner bröseligen Erinnerung Rätsel aufgeben. Die eigene Erinnerung führt bekanntermaßen zwangsläufig zu Fiktion. Warum nicht die Fiktion abschaffen und alle Freunde von damals aufsuchen, um die Erinnerungen abzugleichen? Und so geschieht's.
Der Plot dieses, na ja, Tatsachen-Romans ist eigentlich brutal komisch. Selbstironischer geht's kaum. Um das Ausmaß der Komik zu erfassen, empfiehlt es sich, gelegentlich einzuhalten. Wie agiert dieser Mensch? Welch eigenartige Macht treibt ihn? Irgendwann läuft Nagel durch seine alte Heimatstadt, die Taschen voll mit DVDs und Broschüren vom örtlichen Heimatverband, und denkt: Eine Helmkamera wäre recht! In einer Fototasche von damals entdeckt er einen Negativstreifen mit nicht-entwickelten Bildern und untersucht schon wenig später mit einer Lupe die braunen Flächen. Geht zur Hypnose. Hält nachmittags in Tagebuch Nr. 128 fest, wie er vormittags in Tagebuch Nr. 23 gelesen hat. Oder erfindet Gründe für sein mangelhaftes Erinnerungsvermögen. Hauptverdächtiger ist sein fehlender Geruchssinn, eine angeborene Behinderung, der er nun mit Arztbesuchen beizukommen versucht. Hier eine Untersuchung, da eine MRT. Nicht ein einziges Mal taucht der naheliegende Verdacht auf, es könne möglicherweise eine Verbindung bestehen zwischen dem schlechten Erinnerungsvermögen und der seit frühester Jugend kultivierten Trinkerei. Womöglich ist das ein gutes Beispiel dafür, wie viel Humor zwischen den Zeilen stattfindet. Wissen kann man es nicht. Die beachtliche Frequenz aber, in der sich auf beiden Zeitebenen Wein reingekippt wird, gibt's sonst vielleicht noch bei Bukowski. Dem wird natürlich auch gehuldigt. Von einem Kumpel bekommt Nagel sein erstes Bukowski-Buch zugesteckt. "Wieso hatte ich von dem Mann noch nie gehört?", schreibt Nagelschmidt und verwendet damit die Worte, die einstmals Bukowski in einer Kurzgeschichte für seinen liebsten Schriftsteller John Fante benutzt hat.
Kenner brauchen es sich an dieser Stelle wahrlich nicht erzählen zu lassen, aber solche, die es erst noch werden wollen, müssen es ja auch irgendwann erfahren: Beim Sommer '99 handelt es sich neben allem anderen um die Entstehungszeit von Muff Potters Bordsteinkanten­geschichten, einem der schönsten deutschsprachigen Musikalben. Der Autor ist für das Album maßgeblich verantwortlich. Den Titel seines dritten Romans hat er bei den Cardigans entlehnt, dem Song "Junk of the Hearts". Die Doppelbedeutung der deutschen Entsprechung passt zum Buch. Nagelschmidt lässt uns am Erstleid, das zerbrochene Vorstellungen gerne nach sich ziehen, ebenso teilhaben wie an der Lossagung von festen Bildern der (eigenen) Vergangenheit.
Am Ende verschwimmen Realität und Fiktion immer. Im Buch wie im Leben. Auf den letzten Seiten verpasst Nagelschmidt seinem Nagel überraschend einen Geruchssinn. Warum auch nicht. "Reality is an illusion that occurs due to the lack of alcohol" (Bukowski, eventuell auch W. C. Fields), und "Irgendwann ist alles irgendwie … vielleicht" (Marcus Wiebusch). Das wirklich überaus olle Umschlagzitat "Eine spannende und wunderbar erzählte Geschichte, wie sie nur das Leben schreiben kann" wäre geringfügig weniger oll, stünde da: "wie sie nur der Nagelschmidt schreiben kann". Aber wie wäre das? Ja, stimmt schon: unseriös.

 

Thorsten Nagelschmidt: Der Abfall der Herzen. Roman. 448 Seiten. S. Fischer. Frankfurt am Main 2018. € 22,95.