Am Erker 66

On the Wild Side (2004)

On the Wild Side (2013)

Das ist die Liebe der Prälaten

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Martin Büsser
Wenzel Storch
Ventil Verlag

 
Rezensionen
Martin Büsser: On the Wild Side
Wenzel Storch: Das ist die Liebe der Prälaten
 

Erinnerungskunst
Fritz Müller-Zech

Das Jahr der Revolte begann mit ohrenbetäubendem Krach. Am 7. Januar 1968 nämlich strahlte das ZDF die achte Folge der Kinderserie "Till, der Junge von nebenan" aus. Animiert von ihrem nicht immer unumstrittenen Rädelsführer Albert, dem Lackaffen (verkörpert von Ilja Richter), schließen sich zwölf- bis dreizehnjährige Gymnasiasten zu einer so genannten Beatband zusammen, deren musikalische Darbietung vor dem Schultor so manchen Erwachsenen in den Wahnsinn zu treiben droht. Wie ein Akustik-Set der frühen Can klingen die den selbstgebastelten Instrumenten entlockten Töne. Während im eine knappe Woche später vom ersten Programm gesendeten "Beat-Club" noch wohnzimmertaugliche Liedchen wie "Angel of the Morning" geschmettert werden, blitzt im ZDF (wenn auch nur kurzfristig) das ganze Provokationspotential rockmusikalischen Tuns und Treibens auf. (Dass Ilja Richter wenige Jahre später die schlager- und popversessenen Zuschauer seiner "Disco"-Sendung mit altväterlichen Sketchen an die realen gesellschaftlichen Machtverhältnisse erinnerte, darf man in diesem Kontext als ein gelungenes subversives  Manöver werten.)
Wer sich also aufmacht, die "wahre Geschichte der Rockmusik" - so der Untertitel eines just wieder aufgelegten Standardwerks des früh verstorbenen Kulturjournalisten Martin Büsser - aufzuschreiben, muss sich auf manch verwirrendes Detail gefasst machen. Für ältere Zeitgenossen wie den Rezensenten ist es immer wieder schön zu beobachten, mit welcher Geschwindigkeit Kanonisierungen verworfen und neue Verbindungslinien gezogen werden. Konnten die Autoren des weitverbreiteten Rock-Lexikons (Rowohlt) noch 1998 in der "vollständig neu überarbeiteten und erweiterten Neuausgabe" (410. bis 429. Tausend) einem Iggy Pop "dreisten Dilettantismus" bescheinigen, avancierte der Punk-Großvater aus Ann Arbor, Michigan wenig später zum einflussreichen "Wegbereiter des Garage-Rock" (Martin Büsser).
Dass Iggy and the Stooges nie "den Weg nach Bremen", also in den "Beat-Club" fanden, findet Wenzel Storch, der ebenso eifrige wie eigenwillige Chronist bundesrepublikanischer Popkultur zwischen 1966 und 1974 - den so genannten "kurzen sechziger Jahren" - noch immer bedauerlich.
Storch, Jahrgang 1961, dreht nicht nur Spielfilme (Sommer der Liebe), sondern unternimmt auch regelmäßig Ausflüge in die verwirrenden Welten von Katholizismus, Sex und Beatmusik, die dann - üppig illustriert - in der Monatszeitschrift konkret dokumentiert werden. Als Meister der Zitatkunst bedient sich der vielseitig gebildete Autor bei Wilhelm Raabe ebenso wie bei Adalbert Stifter oder Karl May und verquirlt Hoch- und Populärkultur zu einer einzigartigen Mischung, die sich in ihrer Wirkung nur bedingt von den visuellen Effekten unterscheidet, mit denen "Beat-Club"-Regisseur Michael "Mike" Leckebusch seine Sendung in ein psychedelisches "Meer von Licht und Farben" (Juliane Werding, zitiert von Wenzel Storch) verwandelte. Was nicht bedeutet, dass Storch ein dezidiertes Urteil scheuen würde. Deutlich unterscheidet er nach Sichtung sämtlicher auf DVD festgehaltenen Beat-Club-Sendungen zwischen "Murks" (Pacific Gas & Electric, Ashton, Gardner & Dyke) und "tollem Zeug" (Can, Mountain, Black Sabbath). Warum auch immer. Was einst als "zähflüssiger Lava-Sound mit einer enervierend jammernden Solostimme" (das bereits zitierte "Rock-Lexikon" über Black Sabbath) galt, findet man heute wegweisend. So geht es eben zu in der Welt der Kunst. Und Wenzel Storch ist ein Teil davon. Sein Buch Das ist die Liebe der Prälaten, in dem fünfzehn maßgebliche Arbeiten dieses großen Erinnerungskünstlers versammelt sind, liest man deshalb gleichermaßen gerührt wie amüsiert. Der titelgebende Beitrag ist übrigens ein ausführlicher literaturhistorischer Aufsatz über das Schaffen des Würzburger Autors Berthold Lutz, dessen Aufklärungs- und Benimmbücher ganze Generationen katholischer Jugendlicher prägten. Storch, der seinen Eltern die Eintragung ins "Goldene Buch des Bonifatiuswerkes" und die "immerwährende" Mitgliedschaft im Pallotiner Meßbund zu verdanken hat, widmet sich dem Lutz’schen Werk mit einer Liebe zum sprachlichen Detail, die der Analyse der Bücher Karl Mays durch Arno Schmidt (Sitara und der Weg dorthin) nicht unähnlich ist. Das ist Pflichtlektüre für alle, die die Bravo-Aufklärungsserie "Entdecke Deinen Körper" (1969) damals nur heimlich lesen durften.

 

Martin Büsser: On the Wild Side. Die wahre Geschichte der Rockmusik. 262 Seiten. Ventil. Mainz 2013. € 14,90.
Wenzel Storch: Das ist die Liebe der Prälaten. 270 Seiten. Ventil. Mainz 2013. € 18,90.