Am Erker 71

Akzente 1/2016

außer.dem 22

Edit 68

die horen 260

Kritische Ausgabe 30

Poet 20

 
Zeitschriftenschau 71
Andreas Heckmann
 

Als Wolfgang Lasinger mir im Januar erzählte, Guntram Vesper werde Anfang März nach vielen Jahren wieder einen Roman veröffentlichen, Frohburg, war meine Begeisterung groß. Nicht nur hatten wir beide Anfang der 80er Nördlich der Liebe und südlich des Hasses sehr gern gelesen, während ringsum die Neue Deutsche Welle tobte, nein, ich hatte auch Tage zuvor in die horen 260 seinen Text "Wer hat meinen Arno Schmidt? Eine Suchanzeige" entdeckt. Vespers Versponnenheit, seine Lust an bibliophilen Drucken, seine Korrespondenzfreude, die ihm viele Autografen von Literaten eingetragen hat, sein melancholischer Zukunftspessimismus, dem keine Verklärung der Vergangenheit gegenübersteht, all das begegnet auch in dem kurzen Beitrag, in dem Vesper - ausgehend von einer im Handel aufgetauchten Postkarte, die VauO Stomps, der Verleger seines ersten Gedichtbands, ihm 1963 geschrieben hat - auf verschlungenen Erinnerungswegen verfolgt, wie diese Karte aus seinem Archiv auf den Markt gelangt sein mag. Des Rätsels Lösung: Beim Umzug 1974 war ein Karton mit Manuskripten, Briefen, Karten, Fotos in einer Garage gelandet, und dort hatte sich jemand über die Jahre immer wieder bedient. Der Nachbar, der stets wegschaute und Hilfskraft in der Handschriftenabteilung der Uni-Bibliothek war? Oder eine Aushilfe im Antiquariat Hölty-Stube, ein Mann, der "wie verrückt Gedrucktes" sammelte? Vesper berichtet Geschichten aus einer Zeit, die lese- und bücherselig war, in der man noch mit der Hand schrieb und Briefe auf die Post gab, aus unausdenklich ferner Zeit also. Abhanden kamen Vesper damals auch ein Sonderdruck und ein Foto von Arno Schmidt, beide mit Widmung. Seltsam, dass sie sang- und klanglos in einer Garage gelandet sind, aus der Vesper "manchmal an Regenabenden" "rauchende Halbwüchsige" - Dosenbiertrinker obendrein! - gescheucht hat. Ich kenne Menschen, die würden sich so ein Foto gerahmt auf den Schreibtisch stellen und wie ihren Augapfel hüten.
Thorsten Krämer berichtet in Edit 68 vom "anderen Schreiben", von seinem Brotberuf als Off-Texter für Das Perfekte Dinner nämlich, wo er in zehn Jahren an 500 Folgen beteiligt war. Dabei lobt er, was Literatursnobs im Privat-TV nicht erwarten: das intellektuelle Arbeitsumfeld, die leidenschaftliche Professionalität bei großer Umgänglichkeit, den Teamgeist also, das hohe Maß an Arbeitsteilung, das alle Mitarbeiter nahezu gleich wichtig sein lässt, und den Umstand, dass die Arbeit fürs Privat-TV nicht mit Kunstanspruch stattfindet. Sein Fazit: "Das System Literaturbetrieb ist von Grund auf marode. Das Fernsehen, das kommerzielle, niveaulose Unterhaltungsfernsehen, das weit entfernt ist, unter Kulturverdacht zu stehen, bietet deutlich bessere Arbeitsbedingungen. Die Spielregeln sind um einiges simpler, was nicht heißt, dass in jedem konkreten Fall die Situation besser ist als im Literaturbetrieb, aber die strukturellen Rahmenbedingungen ermöglichen eher eine befriedigende Tätigkeit, als dass sie sie verhindern. Es ist die Nüchternheit des Handwerks, die für jemanden aus der Kulturbranche den großen Reiz des Fernsehens ausmacht."
Wie montiert man aus Einfällen, Erinnerungsfetzen und zufälligen Beobachtungen einen langen Text? Xaver Bayer demonstriert es in poet 20: Man muss nur das Zauberwort treffen! Seines lautet "apropos", und das geht so: "dies war am längsten Tag des Jahres wenn ich mich nicht irre apropos irre eine meiner größten Ängste ist dass mir eine irre Person nachstellt". Wüster Trickbetrug das, literarisches Hütchenspiel, aber im Schutz zur Schau gestellter Flickschusterei schlägt Bayer charmante Volten und baut sogar poetologische Reflexionen ein: "manchmal ist mir als würde ich in einem großen Doppelbus voll mit verwelkenden Blumensträußen übers Land fahren allein übernächtigt & ohne Ziel apropos Ziel heute Abend fliegen die Sternschnuppen himmelwärts."
Schön, dass auch Sabina Lorenz, die jüngst beim Münchner Salzstangensalon im Duett mit Markus Breidenich "Black Box. Ein Déjà-vu. Lyrische Tetralogie mit Untergang" vorgetragen hat, mit drei Gedichten im "poet" vertreten ist. Von 2002-09 war sie Mitherausgeberin der Literaturzeitschrift außer.dem. Unter der Ägide von Armin und Christel Steigenberger erscheint jährlich ein Heft von etwa 60 Seiten ohne thematische Vorgabe, in dem Kurzprosa und zumal Gedichte publiziert werden. Nur selten ist ein Beitrag länger als zwei Seiten, und so wirken die Ausgaben nie allzu komponiert, sondern stets etwas zufällig und wie ein Potpourri, was freilich, da die Qualität stimmt, durchaus Reiz hat. In der aktuellen 22. Ausgabe sind beispielsweise Jürgen Flenker, Gerald Fiebig, Caroline Hartge und Tobias Roth vertreten. Sehr berührend fand ich zumal Jürgen Bullas Gedicht "Die letzte Fahrt mit dem Vater". Es beginnt: "Die letzte Fahrt mit dem Vater / nach Salzburg, in die Totenstadt. Er fuhr / auf der Landstraße, langsam, schaltete / wenig, gab im Märznebel kaum Gas, bestand aber / darauf, die Autobahn zu meiden (höchstwahrscheinlich Stau, und wenn nicht, / mag die Angst vor dem Stau genügen), / an jenem nebligen Tag im März, als wir Einzug hielten / in der Totenstadt, der Stadt Trakls und Bernhards und der Friedhöfe, die / niemals / die Stadt Mozarts war, / ..."
Optisch ansprechender als früher und auch sonst peppiger kommt die Kritische Ausgabe daher, die es ernst meint mit ihrem Untertitel "Zeitschrift für Germanistik und Literatur". Freundschaft ist das Thema der 30. Ausgabe, die mit eindrucksvollen Fotos geschmückt ist. Über "Frauenfreundschaften im Pflanzenzuchtkommando des Auschwitzer Nebenlagers Rajsko" schreibt Anne Peiter, die auf La Réunion an ihrer Habilitation zum Thema "Lektüren der Unverhältnismäßigkeit. Kolonialismus, Nationalsozialismus, Kalter Krieg" sitzt. KZ-Forschung tief im Indischen Ozean! Auch Linguisten kommen in der KA zu Wort, etwa Fabian Bross mit einem beschwingten Text zum staubtrockenen Thema Anlauttabellen. Wie gut, dass Johannes Witek mit slamgängiger Lyrik den Schlussmann gibt. Das nächste Heft übrigens hat das Thema "Untergrund".
Nun aber zur dem "Alltag" gewidmeten Ausgabe 1/2016 der nur mehr vierteljährlich erscheinenden Akzente. 24 weit überwiegend deutschsprachige Autoren haben ihren 10. Dezember 2015 bisweilen in Gedichten, meist aber in bis zu zehnseitiger Prosa beschrieben. Neben einigen nichtigen Texten, die allein von der Eitelkeit ihrer Verfasser zeugen (geradezu niederschmetternd, was Thomas Meinecke über den tollen Thomas Meinecke an seinem tollen 10.12. zu berichten weiß, kann ich als Fan von seiner Band F.S.K. und The Church of John F. Kennedy nur sagen, zumal der Abend mit Frank Witzel in den Münchner Kammerspielen, auf den er sich erwartungsfroh bezieht, katastrophal aus dem Ruder lief, was Meinecke massiv zu denken hätte geben sollen), finden sich subtile Alltagserkundungen, die unaufdringlich der eigenen Lebenssphäre gewidmet sind: Anne Weber beschreibt vom Tisch aus, was es zu sehen gibt, erst in ihrer Küche, dann in der Schule und im Schulhof gegenüber, dann (aus einem anderen Fenster) im Café und in den Nebenstraßen, derweil der Tag langsam vergeht. Wunderbar, wie Franz Hohler den Alltag eines fast schon alten Mannes in seiner Unaufgeregtheit, seinem Trott als ein Glück beschreibt, das darin kulminiert, noch immer mit dem inzwischen hundertjährigen Vater Karten spielen und dabei sogar verlieren zu können. Den schönsten Beitrag liefert freilich Jürgen Becker, der am 9. Dezember trotz Terrorwarnung in Brüssel gelesen hat und tags darauf mit dem Zug zurück nach Köln reist. "Nachmittags muss ich im Bergischen sein, in unserem kleinen Gehöft, wo geschehen wird, was ich ein Wunder nenne, nämlich die Brikettanlieferung. Fünf Kohleöfen haben wir im alten Fachwerkhaus stehen, und über vierzig Jahre lang hat Kaps Landhandel uns mit Briketts versorgt. Drei Bündel stehen noch in der Scheune; vorige Woche rief ich also bei Kaps an, und da kam der verlegen kleinlaute Bescheid: Briketts führen wir keine mehr, lohnt sich nicht bei den drei, vier Kunden, die noch mit Kohle heizen. // Zwei Tage Panik. Herumtelefoniert. Kein Brennstoffhandel in der Region, der sich, ja früher mal, mit Briketts abgibt. Bis Rango im Branchenverzeichnis Hedi Lambertz entdeckt. Köln-Kalk, alte Arbeitergegend, Häuschen aus den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg, ja sicher, wir kommen auch ins Bergische rauf, Anfahrt 20 Euro. Und ich habe gerade das Scheunentor aufbekommen, da schiebt sich auch schon der Laster über den engen Zufahrtsweg in den Hof. Die beiden Männer springen ab und mustern das Gehöft. Schön hier oben aufm Land. Und als sie sehen, daß es mit der Sackkarre nur ein paar Schritte zur Scheune sind, schnaufen sie erleichtert auf. Sonst die langen Hausdurchgänge, steile Treppen, tiefe Keller. Sie machen das schon über 30 Jahre und sagen, wir sind die letzten Kohlenträger in der Stadt, wir kommen auch gern hier wieder aufs Land. Ich sage, da bin ich aber froh und glücklich."

 

Akzente 1/2016: Alltag. € 9,60.

außer.dem 22. € 7,00.

Edit 68. € 5,00.

die horen 260: Buden. Lichter. Volk – Vermessungen. €14,00.

Kritische Ausgabe 30: Freundschaft. € 6,00.

poet 20. € 9,80.