Am Erker 65

Das Gedicht 20

edit 60

edit 61

Ostragehege 69

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Das Gedicht
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Zeitschriftenschau 65
Andreas Heckmann
 

"Das Beste aus 20 Jahren" präsentiert Anton G. Leitner in Band 20 seiner Zeitschrift Das Gedicht. Den zwanzig Texten von Karl Krolow, Günter Kunert, Jean Krier und siebzehn weiteren, teils sehr viel jüngeren Autoren folgt "Das Beste für die nächsten 20 Jahre" - 92 Gedichte, die für die Jubiläumsausgabe eingereicht und zum Teil letzten Herbst auf einem Poesiefest im Literaturhaus München von Autoren wie Joachim Sartorius, Jürgen Bulla, Franz Xaver Kroetz und Friedrich Ani rezitiert wurden: ein sehr unterhaltsamer Lyrikmarathon, der auch im Fernsehen zu verfolgen war und sich in Häppchen auf youtube aufrufen lässt. Zu den Qualitäten des Dichters und Herausgebers Leitner zählt neben Offenheit, Neugier und unverbissener Zähigkeit im Verfolgen seiner Ziele auch, die Feier seiner Lebens(abschnitts)leistung ohne pompöse Selbstinszenierung oder geheuchelte Bescheidenheit als Fest der Dichtung und der Freundschaft gestaltet zu haben, bei der der Spiritus Rector als glücklicher Enthusiast erschien, die Moderation aber weise anderen überließ.
Hermetischen, nur der Sprachkunst verpflichteten Texten bietet Das Gedicht keine Bühne, hütet sich jedoch auch vor den Untiefen der Betroffenheitslyrik. Wie glänzend das gelingt, zeige Franz Hodjaks "Morgengedicht" aus Band 9 (2001): "Was machst du/ mit einem Schutzengel, der/ morgens, während du gemütlich/ Kaffee trinkst und/ die Welt ordnest, die du// gestern etwas/ durcheinander brachtest, aus/ dem Himmel stürzt und auf den Balkon/ klatscht und tot liegen/ bleibt. Zuerst denkst du,// Gottseidank, er hat mich/ nicht erschlagen. Und dann?"
Das Jubiläumsheft enthält auch fünfzig Autorenstatements zur Erneuerungskraft der Poesie, in denen sympathischerweise viel Skepsis laut wird. So schreibt Michael Wildenhain: "Unterdessen habe ich viele - junge! zeitgenössische! - Dichter kennengelernt, deren Verse schwer zu verstehen sind, die vielleicht zum Wesen (welchem?) der Dinge vorstoßen, deren Publikationen aber meist nur von ihresgleichen gelesen werden. Hin und wieder frage ich mich, ob auch sie eines Tages alte Weggefährten haben werden, bei denen sie manchmal ein Kopfschütteln ernten. Und wie wird es ihnen dann wohl ergehen?" Unerschrockener noch Martin Brinkmann: "Häufig frage ich in meinem Bekanntenkreis herum, ob irgendwer in letzter Zeit ein zeitgenössisches Gedicht gelesen habe. Natürlich nicht! Den Germanisten unter ihnen stelle ich eine gemeinere Frage: ob sie irgendeine Zeile aus einem zeitgenössischen Gedicht, das sie in letzter Zeit gelesen haben, auswendig wiedergeben könnten. Dann kommt natürlich raus, dass sich niemand an irgendwas erinnern kann. Alle erstarren vor Ehrfurcht, wenn die Namen Friederike Mayröcker, Thomas Kling oder Durs Grünbein fallen, um nur die besten zu nennen. Aber niemand kann sich an einen Vers erinnern!"

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Manchmal agiert man glücklos und verpasst selbst den letzten Bummelzug, dann wieder gelingt alles, als wäre man mit der Magie im Bunde. So eine Zeit erlebt gegenwärtig die Leipziger Edit, und natürlich verdankt sie das nicht der Zaubermacht der Redakteure Jörn Dege und Mathias Zeiske, sondern deren Ingenium - und dem guten Ruf der Zeitschrift, die sich, wie die Ausgaben 60 und 61 zeigen, vor tollen Texten kaum retten kann. Jan Snela, *1980 und 2010 beim Open Mike erfolgreich, schreibt mit "Das Kind" hochinspirierte Prosa. Sein Kind ist so allein wie in Büchners Märchen und hat‘s auch so schwer, nur dass das Drama in der Vorstadt spielt. Aber die Sätze! Wie die sitzen! "Zu Mittag gibt’s wieder Ferkel und ein paar Blaukrautreste, den Matsch der Knödel." - "Nur leicht ein Wind weht, als das Kind tags drauf losfährt." - "Es steht ein Mann dort, der ein Jackett trägt, das grau meliert ist." Doch Arno Carmenisch (*1978 in Graubünden) kann mithalten mit seiner Kurzprosa "Und man schreibt", die in weißen Lettern den Weg aufs himmelblaue Cover fand. Auf einer halben Seite musiziert er virtuos und setzt den Bogen nach zwei Minuten bescheiden wieder ab: "Schreiben sei dubioser als Schädel auskochen, schrieb einer, ein anderer schrieb, dass man ja nicht im Frühling schreiben solle, im Winter müsse man schreiben, mit warmen Füßen und kühlem Kopf, ein anderer schrieb, dass man schreibe, damit man nicht vergesse, aus welchem Loch man gekrochen sei, und ein anderer sagte, ein guter Musiker spiele die Pausen genau so gut wie die Töne, es gehe um das, was nicht sei, im Nichts stecke der Groove, und ein anderer sagte, wenn es im Kopf stürme, gehe er zum See und stecke den Finger in den See, um mit der Welt verbunden zu sein, das helfe." Aber damit nicht genug: Edit 60 bringt auch "Mr. Lytle" aus John Jeremiah Sullivans Essayband Pulphead. Vom Ende Amerikas. Der Ich-Erzähler berichtet aus der Zeit, als er - blutjunger Literat und Studienabbrecher - Gesellschafter und Pfleger des 90-jährigen Südstaaten-Autors Andrew Nelson Lytle war. Der verschlungene, hochartistische Text ist ein Porträt des alten, unter der Hand aber auch des jungen Mannes und eine minutiöse Beschreibung von Einsamkeit und Verfall, in der das Gefühl des Eingeschlossenseins (im Lebenswerk, im Haus, im alten, immer unzulänglicher werdenden Körper) ungemein plastisch wird. Und dann kommt auch noch Kevin Vennemann und schreibt mit vielen Vor- und Rücksprüngen "1966", ein kunstgeschichtlich wie literarisch versiertes Porträt von Eva Hesse (nicht der Pound-Übersetzerin, sondern der New Yorker Künstlerin, die 1970 jung starbZwar gelang es auch in der Print-Ausgabe, die bildende Künstlerin Eva Hesse von der gleichnamigen Übersetzerin zu scheiden, doch die firmiert dort als Proust-Übersetzerin - ein ärgerlicher Fauxpas, den ich kurz nach der Drucklegung des Heftes bemerkte und nur noch im Netz korrigieren konnte. Die schriftbildliche Nähe von Proust zu Pound, die Tatsache, dass auch die lange Zeit kanonische Proust-Übertragung von einer Eva stammt (von Eva Rechel-Mertens nämlich), und der Umstand, dass es an dieser Stelle gar nicht ums Übersetzen ging, haben meinen Schnitzer sicher begünstigt. Mag die Fehlerursache auch klar sein: Da ich selbst literarischer Übersetzer aus dem Englischen bin, schmerzt mich der Lapsus umso mehr, und ich möchte mich darum bei Proust, Pound, Eva Hesse, Eva Rechel-Mertens, meiner Zunft und meinen Lesern entschuldigen.), das mir Werk, Person und Umfeld so lebendig werden ließ, dass ich anschließend lange dazu im Netz recherchierte.
Und Edit 61? Lässt Alexander Kluge, Altmeister des philosophisch-sinnenfreudigen (Film)Essays, mit "Sieben Geschichten zum 30. April 1945" zu Wort kommen: eine überaus erfreuliche Traditionswahl. Schön auch Frank Fischers "Lob des 100-Seiten-Buchs", der kleinen Dinger also, die sich auf mittleren Zugfahrten, an einem Frühlingsnachmittag im Park oder an einem nicht allzu langen Abend gut durchlesen lassen. Und dem Lob folgen prompt Rezensionen von ihm und fünf Mitstreitern, die Fontanes Grete Minde, Handkes Gerechtigkeit für Serbien oder Dostojewskis Weiße Nächte lässig vorstellen. Kein Zweifel: Edit wurde von der Muse geküsst.

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Jens Wonneberger läuft dann zu großer Form auf, wenn er sein tief melancholisches Weltverhältnis in Geschichten gießt, deren Schwermut etwas Beiläufiges hat und den Text doch durchtränkt. Bestens ist das in "Ums Karree" gelungen, stillen Erkundungsgängen durchs eigene Viertel und damit auch Streifzügen durch die (Gefühls)Geschichte des Erzählers. Es wäre - hallo, Steidl? - dringend zu wünschen, dass dieses 2001 mit dem Konkurs des Kowalke-Verlags untergegangene Buch wiederveröffentlicht wird und endlich die Aufmerksamkeit bekommt, die es verdient. Auch  "Nach Süden" - im 69. Ostragehege als Auszug aus einem Romanprojekt annonciert, aber so dicht, dass jede Einbettung überflüssig, ja, störend erscheint - bringt alle Mollqualitäten des Dresdener Autors einwärts gekehrt zum Funkeln: Ein Paar (die Ehe ist gescheitert, die Beziehung aber noch nicht beendet) unterbricht seine Fahrt in den Süden bei dichtem Novembernebel, übernachtet in einem leicht unheimlichen Dorfgasthof und setzt die hoffnungslose Reise am nächsten Morgen fort. Da ist viel Platz für schöne Sätze wie: "Der Nebel des Vortages war verschwunden, es war kalt, die Kastanie im Hof war von Raureif überzogen, an einem der schwarz ausladenden Äste hing eine Schaukel, deren Ketten in der Morgensonne glitzerten."
Mit Literaturzeitschriften im Magazinformat - dazu gehört Ostragehege - fremdelt der Rezensent ein wenig, weil Prosa im Zweispaltendruck nicht gut aufgehoben, einspaltig aber auf (annähernd) A4 strapaziös zu lesen ist. Gedichte dagegen verlieren sich auf großen Seiten oder treten, gerade damit sie sich nicht verlieren, oft allzu gedrängt auf. Für Rezensionen und Interviews, für tendenziell journalistische Formen also, ist das Format mit seinen Zweispaltern zwar geeigneter, aber auch auf A5 machen sich Zweispalter gut. Ob aber quadratisch, hochkant oder rund: Allzu viele Lob- und Dankesreden tun keiner Zeitschrift wohl. In dieser Ausgabe sind ihnen 21 von 84 Seiten vorbehalten, mithin ein volles Viertel. Da mögen die Laudatoren noch so klug rühmen und die Geehrten noch so würdig sein - die Diagnose lautet: panegyrischer Overkill.
Erfrischend heiter dagegen, ja, tänzelnd tritt Thomas Böhme den Lesern des Ostrageheges mit 14 Kalendergeschichten entgegen, die ihn einmal mehr als Meister des Kurzprosa-Impromptus zeigen, etwa in "Masken": "Als er sein, wie er glaubte, letztes epochales Epos begann, legte der vielfach geadelte Dichter alle Masken ab, die er im Laufe seines Lebens angenommen hatte - die Maske des treusorgenden Familienvaters und Gatten, die des Lebemannes und Frauenflüsterers, die Maske des Gewissens der Nation und die des Bewahrers der Schöpfung. Nur die Maske des Jungen, der ein Held sein wollte und doch regelmäßig Fersengeld gab, wenn die Wolfskinder hinterm Wartehäuschen auf ihn lauerten, diese Maske war er nicht losgeworden. Hasenzähnig und mit glühenden Segelohren saß er vorm leeren Bildschirm, und endlich tippte er seinen ersten aufrichtigen Satz: ‚Im Anfang war die Angst, und die Angst war bei ihm, solange er denken konnte.‘"

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Zwei jüngere Bucherfolge lebten vom beflügelnden Zusammenspiel literarisch-essayistischer und moralischer Qualitäten, wie es unter postmodernen Bedingungen nur noch selten vorkommt: Jonathan Safran Foers Tiere essen und Karen Duves Anständig essen. Diese Expeditionen in die Esskultur als ethisch verantwortete Alltagspraxis haben die Republik zwar nicht in ein Land der Vegetarier oder gar Veganer verwandelt, aber der Ernährung ein weiteres Mal die Unschuld geraubt: Das Streben nach dem Ideal- oder doch Normalgewicht, die cholesterin-, fett- und zuckerarme Ernährung sowie Diäten aller Couleur rückten in den Hintergrund gegenüber Tierleid, Umwelt- und Landschaftszerstörung, Welthunger. So weit, so gut. Ohne verortendes ethisches Koordinatensystem aber bleibt das Thema "Fleisch" blass, wie die Lektüre der vorletzten Testcard zeigt.
Dort haben sich viele Autoren unter den Auspizien der Cultural Studies aufgemacht, die Bedeutung des Fleischs in der Popkultur zu untersuchen, doch der Erkenntnisgewinn ist schmal: Was etwa zum Antispeziesismus, zu den fragwürdigen Kampagnen der Tierrechtsorganisation PETA oder zu Lady Gagas Fleischkleid in 27 Beiträgen referiert wird, dem haftet in der Zusammenschau gerade jene Beliebigkeit an, die den Büchern von Duve und Foer so wohltuend abgeht. Sicher: Es handelt sich um einen kulturwissenschaftlichen Sammelband, und das Thema lautet "Fleisch", nicht "Anständig essen", aber Sprengkraft entfaltet es erst in seiner ethisch-lebenspraktischen Verortung - oder in einem Diskurs der Lüste.

 
  • Das Gedicht 20: Das Beste aus 20 Jahren. € 12,50.
  • Edit 60 und 61. Jeweils € 5,00.
  • Ostragehege 69. € 4,90.
  • Testcard 22: Fleisch. € 15,00.