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Poet[mag]
Kultur & Gespenster

 
Zeitschriftenschau 53
Marcus Jensen
 

Beeindruckend, vom Start weg: das Poetmag des Onlinemagazins "Poetenladen", herausgegeben von Andreas Heidtmann. Sauber gesetzt, fadengeheftet, perfekt lektoriert, vermitteln die Hefte ein gediegenes Bild. Die Nr. 1 präsentiert auf 174 Seiten zur einen Hälfte Lyrik, dann Prosa und vier kurze Essays und ein Interview, in der (noch) umfangreicheren Nr. 2 ist das Verhältnis ähnlich, mit vier Interviews - der Charakter des "Poetmag" ist eindeutig der einer Primärliteraturzeitschrift. Weit überwiegend handelt es sich um Erstveröffentlichungen. Eine verblüffende Mischung aus Newcomern und bekannten AutorInnen präsentiert verschiedene Generationen und Stile auf hohem Niveau. Ein schöner dichter "Eckbank"-Text von Frank-Wolf Matthies steht neben einer Kurzgeschichte von Katharina Bendixen, die sich an einem makabren Zeitungsartikel entzündet, und so unterschiedlich die Texte zunächst wirken, so sind sie doch wie der überwiegende Teil der Prosa dominiert von einem ruhig assoziierenden Ich. Elke Erb eröffnet das ganze Magazin mit einem Gedicht über das Sieben. Es fällt auf, dass viele der Gedichte das Vergehen thematisieren. Heft Nr. 2 schlägt in der Lyrik einen etwas anderen Ton an, die Palette ist breiter gefächert, und selbst innerhalb der Autorenblöcke, etwa bei den beiden Gedichten von Ruth Johanna Benrath, wechseln die Ausrichtung und der Ton kräftig. Die Prosa ist hier tendenziell etwas erzählender, auch rückblickender, etwa in den Geschichten von Christine Hoba und Katrin Vetters.

Eine Zeitschrift für ganz Andersartige ist KULT aus Goldbach bei Aschaffenburg. Der Macher, Karl-Heinz Schreiber alias Karlyce Schrybyr, bezeichnet sein Heft als "Poesychaotycum fyr ketzerysche Ästhetyk". Das soll man dreimal lesen. Fertig? Schon hat man seinen Tribut an Herrn Schreiber abgeleistet. Im Mantelteil setzt er für jedes "i" ein "y". Das wyrkt natürlych yrre ketzerysch, das beeyndruckt sycher die Mächtygen dyeser Welt. Was das Layout angeht, ist das "y" allerdings berechtigt, denn es verschleiert das Wort "Laie". Anfangs verursacht das Blättern sogar Kopfschmerzen - und das yst endlych rychtyg subversyv. Der eigentliche Inhalt des Heftes, simpel gesetzt und mit zahlreichen Fehlern gespickt, bietet merkwürdige "Prossa" (ja), "Lyryk" (war klar), und auch sehr viele Rezensionen ("rezyLYTERATYR") des Herausgebers selbst zu Büchern, von denen etwa die Hälfte in exotischen Kleinstverlagen erschienen ist. Ein paar Entgleisungen ("Hier blutet eine slavische Seele") und Erstsemester-Arbeiten stehen neben soliden Kritiken - KULT ist ein Heft mit einer Substanz, die leider völlig zugedeckt wird von aufdringlicher Freakigkeit.

Dem Phänomen Kultur und Gespenster wurde gerade vom Deutschen Literaturfonds eine hohe Förderung zugesprochen, vermutlich war das bitter nötig, denn ein solches Unternehmen kann man nur mit einem gewaltigen und riskanten Feldzug vergleichen. Plötzlich war dieses Kulturmagazin da, als wäre es zehn Jahre lang in der stillen Tiefe des Raums vorbereitet worden. Das erste Heft ist das dünnste und geschlossenste, es beschäftigt sich mal enger, mal weiter mit Hubert Fichtes Werk und Welt, vom Leben seiner exzentrischen Bekannten bis zur "Künstlerischen Feldforschung in Tansania". Seitlich dazu angeordnet sind typische intellektuelle Lieblinge wie Alexander Kluge. Germanistische Kryptiker surfen über Medienthemen, um zu zeigen, was einem dazu so einfallen kann, dazwischen gibt es merkwürdige Fotostrecken und Werbeanzeigen von Hipster-Unternehmungen, die bis vor kurzem noch "Plattformen" hießen. Kathrin Röggla erledigt zuverlässig ihren Job. Ein großes raunendes Crossover - aber: Das Sammelsurium hält hohen Ansprüchen stand. Besser lektoriert als die besten Tageszeitungen dieser Republik, legt diese Zeitschrift auch inhaltlich einen Maßstab vor, allerdings bleibt die Frage, wer das Material bewältigen soll, und manches ist sehr geschmäcklerisch.
Das Nachfolgeheft 2 "Unter vier Augen" beschäftigt sich grob gesagt mit dem Interview, doch wird die ausufernde Bandbreite zur reinsten Leistungsschau. Dass thematisch einiges aus dem Ruder läuft, macht aber auch hier nichts, denn immer ist "K&G" interessant, wie eine "Vanity Fair" für Dr. phil.'s. Jörg Schröder fahndet verkleidet nach Reemtsma, Thomas Bernhard wird gehuldigt, während er selbst live grantelt. Wieder sind Kluge und Röggla im Boot, und dass man den Primärtext kaum von der Forschung unterscheiden kann, finden die Herausgeber vermutlich richtig klasse. Diskurse darüber, ob Interviews nicht per se Manipulationen darstellen, sind schlicht langweilig. Anschließend macht K&G dem "Kunstforum International" Konkurrenz, dann folgt der göttliche Text vom göttlichen Robert Neumann, "Spezis in Berlin" (1966), den jemand wiederentdeckt hat, und zum Schluss wird das Thema Comics abgedeckt. "Aufhör'n", möchte man japsen und muss doch das meiste lesen.
Heft 3a setzt an zum Overkill. "Wirklich wahr", dieses Allzweckthema bezeichnet das Eingeständnis, dass eine Grenzensetzung nicht mehr möglich ist - und Teillieferung 3b soll erst noch kommen. Ernst Jünger wird mit den Beatniks verglichen, na gut, Jünger wird seit Jahrzehnten mit allem verglichen, was nicht bei drei auf den Bäumen ist, und diesmal sind auch Frösche mit dabei. Bekifft geht es weiter: Die Alt-Anarchos der Edition Nautilus reden auf sehr sympathische Weise sehr verworrenes Zeug. Fotostrecke und Comic. Dinge, von denen man noch nie etwas gehört hat: Audiopietisten. Bildende-Kunst-Strecke. Enno Stahl fordert mal wieder mehr Arbeiter in der Literatur. Eine Fotostrecke, leider so interessant wie Gerümpelräume. Eine wichtige, weil handfeste Untersuchung über Copyrightprobleme, von Sebastian Burdach. Und Rezensionen. Und Comicdiskurs und und und bis zur Formlosigkeit. Wann kommt der Herzinfarkt, liebe Herausgeber? Manko: Die Schrifttype ist zu klein, und Autorenangaben fehlen. Fazit: einfach plättend, einfach zu viel, einfach danke.

 
  • Poetmag 1 & 2, hrsg. von Andreas Heidtmann im Passage-Verlag, Leipzig 2006, je 8,80 €
  • Kult 24/2006, hrsg. von Karl-Heinz Schreiber, Goldbach 2006, 3,50 €
  • Kultur und Gespenster 1-3, hrsg. von Gustav Mechlenburg, Jan-Frederik Bandel und Nora Sdun im Textem-Verlag, Hamburg, Sommer 2006 bis Januar 2007, je € 12