Am Erker 74

Ellen Hinsey: Des Menschen Element

 
Rezensionen
Ellen Hinsey: Des Menschen Element
 

Exerzitien am Abgrund
Rolf Birkholz

Das vorangestellte Wort Ingeborg Bachmanns ist die Kurzfassung: "Das Unerhörte ist alltäglich geworden." Aber sie erübrigt nicht, sich immer wieder einmal vor Augen zu führen, was der Mensch dem Menschen antut, weil er mit sich selbst nicht zurechtkommt. Ellen Hinsey holt in ihrem von abgewogenen Sentenzen getragenen, aphoristisch-epigrammatischen Gedichtwerk Des Menschen Element weit aus. Weil der Abgrund so tief ist.
"Wisse, dass der Weg beschwerlich ist", heißt es in Anlehnung an Dantes Höllenwanderung: "Der Abstieg führt tief." Und weiter: "Die wirkliche Reise ist befremdlicher: jene, bei der wir nie geführt werden. // Unser täglicher Abstieg in des Menschen Element." Ein Zeichen dessen ist seit Kain "die erhobene Hand" als "eine Litanei von Rechtfertigungen." In Paradoxien scheint Grausamkeit auf: "Warum wurden die Männer von den Frauen getrennt? Weil Leben ausdauern heißt; weil Liebe die Last des Alltäglichen lindert."
Da fallen gleich mehrere Kriege ein, in denen so verfahren wurde und wird. Aber die 1960 in Boston geborene amerikanische Dichterin macht in dem zweisprachig veröffentlichten Band auch Inventur im Alltagsseelenhaushalt. "Das Ich versinkt in der Selbstdefinition wie ein Tier im Schlammwasser. Wenig bleibt haften, das meiste wäscht sich ab." Dann kann es gefährlich werden: "Wo das Ich endet, beginnt der Mythos der Abstammung" - mit möglichen rassistischen Weiterungen. Doch dazu die "Unbequeme These": "Der Stamm an sich ist nicht heilig."
Die Sorgen des so auf sich zurückgeworfenen Individuums fasst die Autorin im Abschnitt "Über das Unbehagen des Seins in der Zeit" so: "Unser erstes Dilemma liegt darin, dass unser Schicksal das Ergebnis fremden Willens ist. In die Welt gewollt zu werden ohne unser Wissen." Daher habe das Leben "immer das Wesen eines Bußgangs." Schließlich wird über die "Erbsünde", nicht zu verstehen, "mit welchem Vergehen wir dieses Unbehagen verdient haben" als "Beunruhigende Lösung" skizziert: "Sich vom Unbehagen am Sein vorübergehend Erleichterung zu verschaffen durch Freisetzen von Terror."
Dazu entwirft Ellen Hinsey "Eine kurze Biografie der Tyrannei", Alleinherrscher kennen sie. "Die Regression der Tyrannei ist einfach: die Begierde eines Kleinkinds, der Welt seine Allmacht aufzuerlegen." Aber es geht auch um den Kleinherrscher in jedem. Wahrheit transportierende Sätze stoßen in Des Menschen Element oft hart aufeinander. "Nicht alle Taten kann man sich vorstellen". Und kurz zuvor wird der Zeuge, der sagen will, wie er den Folterer "Weißt du, was du da tust?" fragte, vom Tribunal ermahnt: "Bleiben Sie bei den Fakten". Bleiben Sie bei diesen Exerzitien.

 

Ellen Hinsey: Des Menschen Element. Gedichte. 160 Seiten. Matthes & Seitz. Berlin 2017. € 26,00.