Am Erker 73

Silke Andrea Schuemmer: Nixen fischen

 
Rezensionen
Silke Andrea Schuemmer: Nixen fischen
 

Vom Untergehen und Auftauchen
Lothar Glauch

Hatte sich Silke Andrea Schuemmer in Remas Haus (2004) auf eine akkurate Kunstsprache konzentriert, knüpft sie mit ihrem Neuling Nixen fischen die ästhetischen Maschen merklich leichter. Der Kunstbezug ist diesmal ins Thema gewandert: Der Leser wird in die surreale, burleske Welt des Kunsthändlers Seckig entführt.
Seckig, der Sonderling, pflegt einen eigenwilligen Jargon: In seiner Sprechweise vereinen sich ältlicher Lüstling und überdrehter Marketer. Seckig ist eine kuriose Mischung aus profanem Genussmensch und knallhartem Geschäftsmann. Er handelt mit Unikaten - oder deklariert Massenware kurzerhand in vermeintliche Einzelstücke um: Hauptsache, die Kasse stimmt.
Auch als Mitarbeiterinnen versammelt er Raritäten um sich. Raritäten wie Ines. Die junge Frau findet in seinem Geschäft eine Fotografie. Sie vereinbart mit Seckig, den (überteuerten) Findling durch Arbeitsleistung abzugelten.
Es ist eine Besonderheit des Werkes, dass Ines selbst kaum charakterisiert wird, obgleich die Story ihrer Perspektive folgt. Im Fokus steht der Kunsthändler Seckig. Durch Ines' Augen kann sich der Leser mit dem Interieur vertraut machen: Seckig erklärt ihr die chiffrierten Labels auf den Werken und die Praktiken beim Verkauf. Beides erinnert an Hochstaplerei.
Ines staunt scheinbar sprachlos über Seckigs perfide-psychologische Verkaufsmethoden. Sie selbst indessen ähnelt all den anderen Raritätensuchern, die bei Seckig ihre ideale Droge finden. Sobald Seckig deren Schwäche erkannt hat, nutzt er diese Kenntnis im Pricing gnadenlos aus. Dass sie unbedingt jene überteuerte Fotografie erstehen möchte, mag rätselhaft wirken. Aus ihr dringt wenig hervor. Dem literarischen Anspruch tut das gut: Hauptfiguren, über die so wenig bekannt wird, sind selten.
Ihre Motive bleiben vage, was die Spannung anheizt.
Wirklich nur Sentimentalität? Oder eine Finte?
Auch wenn Ines wie eine weitere "Angefixte" wirkt, macht sich Seckig wenig Hoffnung, sie auf Dauer bei sich zu behalten. Sie sei keine Untergeherin, sondern eine Auftauchende.
Im Untergrund des Werkes ruhen tiefere Fragen: Ist Kunst noch etwas Heiliges? Der Verweis auf Höheres, der Entwurf von Utopien scheint überholt. Kunstanthropologen definieren die zeitgenössische Kunst zunehmend als Spielart des Luxus: Sie wird in die Klasse von teuren Genüssen, Drogen, Nervenkitzel und Zerstreuungen sortiert.
Doch Kunst bedient zunehmend einen sehr weltlichen Markt: In die Sparte der Investments verschoben, beschreibt sie nunmehr eine Wette auf die Zukunft. Für Seckig sind die Kunstschätze reine Mittel zum Zweck: Er versucht, die Stücke möglichst marktgefällig zu platzieren und teuer zu verkaufen.
Unikate? Umso besser: Raritäten kosten extra.
Nixen fischen hat eine große Bandbreite: das Besondere, die Rarität, das Einzelstück auf der einen, die Überflutung, das Überbordende und Rauschhafte auf der anderen Seite.
Stilistisch wie erzählerisch ist Schuemmers Roman aus einem Guss. Der surrealistische Ansatz ist augenfällig: Der Erzählduktus pendelt raffiniert zwischen der Realität und Traumwelten. Boris Vians surrealistischer Klassiker Schaum der Tage zelebriert eine ähnlich märchenhafte Aura.
Als besondere Würze: exotische Sexualreferenzen. Seckig spielt sich mitunter auf als verkappter Bordellchef oder Haremspascha. Und die Mädchen in seinem Geschäft? Sie halten hin, wehren sich nicht. Der ältere Herr hat gelernt, die Schwächen der Jungen zu erkennen, und nutzt sie nun weidlich aus. Wissen ist Macht. Tricksen ist Überlebens-Kunst.
Eine Gesellschaftskritik also?
Schuemmer will nicht an Tabus kratzen, vielmehr streichelt sie diese. Erotische Fetische? Körperdeformationen? Verführung Minderjähriger? Ausnutzung existentieller Notlagen? Erpressung von Untergebenen? Korruption? Bosheit?
Doch in Schuemmers Werk gibt es wenig Gesellschaft. Ines bleibt solitär wie die meisten anderen Figuren; jeder folgt seinen Ideen und Begierden. Seckig treibt die Egomanie ins Extrem. Der Lüsterne übertreibt, und wie alle Gier führt auch die Lust ihr Opfer an die Klippe.
Es ist die Perfidie des Spekulanten, dass er in der Grauzone seinen Profit macht (machen muss). In der Lust verlaufen die Linien ähnlich: Erst an der Grenze zum Ekel kann eine neue erotische Dimension erschlossen werden.
Ines, halb Untergeherin, halb Auftaucherin, erforscht dieses Milieu aufmerksam. Sie dringt ein in eine poetische Unterwasserwelt, umgeben von fabelhaften Meerestieren.
Nixen fischen - ein Märchen im feuchten Milieu. Eine Erlösungssuche auch. Weil jener feindosierte mystische Akzent wunderbar zu einem modernen Kunstmärchen passt. Während die Figuren nach dem rechten Maß ihres Lebens suchen, hat Schuemmer dieses Gleichmaß in der Anlage des Romans gefunden. Inmitten des Chaos herrscht Ordnung.
Herauftauchenswert.

 

Silke Andrea Schuemmer: Nixen fischen. Roman. 224 Seiten. Konkursbuch. Tübingen 2017. € 12,90.