Am Erker 69

Michel Houellebecq: Unterwerfung

 
Rezensionen
Michel Houellebecq: Unterwerfung
 

Mann ohne Eigenschaften
Georg Deggerich

Schon vor Erscheinen des neuen Romans von Michel Houellebecq wurde kolportiert, das Buch beschreibe das Schreckensszenario einer islamischen Machtübernahme in Frankreich und sei nichts weniger als ein literarischer Brandsatz. Die Attentate in Paris just am Tag seiner Veröffentlichung taten ihr Übriges, den Roman in den Kontext großer ideologischer Diskussionen zu stellen. Dabei hat Houellebecq weder eine politische Parabel noch gar eine Kampfschrift gegen die Ausbreitung des Islams in Europa geschrieben. Unterwerfung ist vielmehr die satirische Demontage eines bestimmten Typus Intellektueller, der sich um Religionen, Weltanschauungen und politische Fragen wenig schert und mit dem buchstäblich kein Staat zu machen ist.
Erzähler und Protagonist des Romans ist der 44-jährige François, Literaturdozent an der Pariser Sorbonne, ein Mann ohne Überzeugungen, Ideale und Ambitionen. Seine größte und vermutlich einzige Lebensleistung ist die Abfassung einer fast 800 Seiten starken Dissertation über Joris-Karl Huysmans, den Hohepriester der französischen Dekadenzliteratur. Leben und Werk des Autors sind nicht nur François‘ einziger Forschungsgegenstand, sondern Huysmans ist zugleich sein Hausgötze und Lebensberater. Die Formel, wie Huysmans über dieses oder jenes gedacht hätte, durchzieht leitmotivisch den Roman. Sehr rasch wird allerdings klar, dass Houellebecqs blasser Held, verglichen mit den raffinierten Genüssen und Sinnesorgien, die ein Huysmans sich auszudenken verstand, ein hoffnungsloser Stümper bleibt. Zwar führt er ständig die Köstlichkeiten der hohen französischen Küche im Mund, begnügt sich im Alltag aber mit Fertiggerichten aus der Mikrowelle oder dem Sushi-Lieferservice. Auch auf sexuellem Gebiet herrscht Tristesse allenthalben. Was François mit den professionellen Diensten der Escort-Mädchen anzufangen weiß, gehört gelinde gesagt in die Abteilung derbe Hausmannskost. Kein Wunder also, dass der Erzähler zunehmend Lebensüberdruss empfindet und sich mit dem Gedanken an Selbstmord trägt. Als letzte Rettung erscheint ihm der Weg, den schon Huysmans gegangen war, nämlich der Rückzug in ein Kloster.
François‘ Tage in der Benediktinerabtei von Ligugé, wo schon Huysmans als Laienbruder sein Heil fand, gehören zu den komischsten Passagen des Romans, weil hier einmal mehr der Rückgriff auf die Vergangenheit zur schwarzen Komödie gerät. Huysmans hatte seine Konversion noch wortgewaltig als Akt der Vorsehung und Rettung aus den Fängen des Teufels beschrieben. François hingegen hat wenig Interesse an spiritueller Erneuerung  und empfindet die Mönchsklause als bloßes Gefängnis: Rauchmelder verbieten das Rauchen, im Garten donnert der TGV vorbei, und die Erbauungsliteratur von Dom Jean-Pierre Longeat reizen den Erzähler zu ungeahnten Wutausbrüchen. Nach drei Tagen bricht er das Experiment entnervt ab.
Genau an diesem Punkt kommt der Islam ins Spiel, nicht als Bedrohung oder Aufforderung zur geistig-moralischen Unterwerfung, sondern als sinnenfrohe Alternative zum kargen Brot des Katholizismus. Die inzwischen zur islamischen Uni umfunktionierte Sorbonne, fürstlich gesponsort mit saudischen Petrodollars, bietet François ein verdreifachtes Professorengehalt und obendrein mindestens drei Frauen. Einzige Voraussetzung ist die Konversion zum Islam, die für einen schnöden Opportunisten wie François kein großes Problem darstellt. Den Hausservice des libanesischen Caterers gibt es gratis dazu. Der Untergang des Abendlandes? Antimuslimische Hetze? Mitnichten. Der Zusammenprall der Kulturen, mit dem der Dumont Verlag das Werk vollmundig bewirbt, bleibt jedenfalls aus. Dafür bietet Houellebecqs  verkorkster Held einfach zu wenig Reibungsfläche. Oder wie François selbst an einer Stelle des Romans hellsichtig bekennt: "Dass Politik in meinem Leben eine Rolle spielen könnte, verwirrte und ekelte mich ein bisschen."

 
Michel Houellebecq: Unterwerfung. Aus dem Französischen von Norma Cassau und Bernd Wilczek. 272 Seiten. Dumont. Köln 2015. € 22,99.