Am Erker 65

Joris-Karl Huysmans: 'Monsieur Bougran in Pension'

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Joris-Karl Huysmans
Friedenauer Presse

 
Rezensionen
Joris-Karl Huysmans: Monsieur Bougran in Pension
 

Tod am Schreibtisch
Georg Deggerich

Joris-Karl Huysmans war ein großer Erfinder künstlicher Welten. In seinem bekanntesten Roman Gegen den Strich (1884) lässt er seinen Helden, den Grafen Jean Floressas Des Esseintes, mit einer Likörorgel experimentieren oder mit Hilfe einer ganzen Batterie von Parfümflakons komplizierte Duftorgien veranstalten. In der vier Jahre später geschriebenen Erzählung Monsieur Bougran in Pension geht es nicht ganz so erlesen zu. Aber deren Titelheld ist schließlich auch kein dekadenter Adelssprössling, sondern pflichtbewusster Beamter im französischen Innenministerium. Dementsprechend prosaischer fallen seine Leidenschaften aus, die sich im korrekten Abfassen von Petitionen und Ablehnungsschreiben und den Gesprächen mit den Kollegen seiner Abteilung erschöpfen. Nach zwanzig Dienstjahren wird Monsieur Bougran unversehens wegen "moralischer Invalidität" in den Vorruhestand entlassen, um Platz für einen Emporkömmling des Ministers zu machen. Bougran reagiert wie "ein betäubtes Tier" auf die Nachricht, durch die er schlagartig allen Lebensinhalts beraubt wird. Statt die Freuden des Ruhestands zu genießen, leidet er unter Appetitlosigkeit, Schlaflosigkeit und Überdruss.
Bis ihm die rettende Idee kommt, in seiner Wohnung sein eigenes Büro einzurichten und seine gewohnte Tätigkeit als sorgsam inszeniertes Spiel fortzusetzen. Monsieur Bougrans Liebe zum Detail geht so weit, dass er nicht nur seinen alten Schreibtisch und sein Zimmer nachstellt, sondern es auch ungelüftet lässt, "damit es jenen Geruch nach Staub und getrockneter Tinte verströmte, den Ministeriumsräume ausdünsten."
Der Satz wirkt wie eine Parodie auf Des Esseintes' aufwändige Versuche, künstliche Sinneswelten zu erschaffen. Um die Illusion einer Beamtenstube hinzubekommen, reicht ein Schreibtisch mit Aktenstapeln, Tintenfass und Federhalter. Zuletzt ist Monsieur Bougrans Scheinwelt so perfekt, dass er an einer fingierten Aufgabe stirbt - der Formulierung eines Einspruchs vor dem Oberverwaltungsgericht, der ihn so viel Kraft kostet, dass er einen Schlaganfall erleidet. Die Erzählung endet - als ironische Krönung eines Beamtenlebens - mit den Schlusszeilen von Monsieur Bougrans Einspruch.
Der Text wurde 1888 für die englische Universal Review geschrieben, vom Herausgeber aber mit dem Hinweis auf "wenig Aussage- und Anziehungskraft" abgelehnt. Huysmans war sich über die Qualität der Erzählung offenbar selbst nicht ganz sicher. Noch kurz vor seinem Tod wollte er das Manuskript zusammen mit anderen Papieren vernichten, allerdings rettete sein Sekretär die bereits zerrissenen Seiten. Danach dauerte es über ein halbes Jahrhundert, bis die Erzählung 1964 erstmals in Frankreich veröffentlicht wurde. Dennoch ist Monsieur Bougran in Pension deutlich besser gealtert als Huysmans‘ literarisches Vermächtnis Gegen den Strich. Im Gegensatz zur schwülstigen, heute oft angestaubt klingenden Sprache des Ästhetizismus wirkt diese fast nüchterne Erzählung höchst zeitgemäß und modern. Pflichtversessene Büromenschen, die hinterm Schreibtisch eine tragikomische Figur abgeben, gibt es zweifellos nicht nur in Pariser Amtsstuben immer noch zuhauf.

 
Joris-Karl Huysmans: Monsieur Bougran in Pension. Erzählung. Aus dem Französischen von Gernot Krämer. 32 Seiten. Friedenauer Presse. Berlin 2012. € 9,50.