Am Erker 60

Günter Grass: Unterwegs von Deutschland nach Deutschland

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Steidl Verlag
Günter Grass

 
Rezensionen
Günter Grass: Unterwegs von Deutschland nach Deutschland. Tagebuch 1990
 

Gelegentlich ein Fischrezept
Antje Telgenbüscher

Monika Maron bringt es auf den Punkt: "Die Unke hat geirrt", schreibt sie am 7. Februar 2009 in der Süddeutschen. "Günter Grass meinte zu wissen, was die Ostdeutschen wollen müssten." Mag die Kollegin noch so sehr von den blühenden Bitterfelder Landschaften heute schwärmen, Günter Grass weiß es besser. Er beharrt darauf, dass die Vereinigung der beiden deutschen Staaten - als "Anschluß" vollzogen - falsch gewesen sei. Im Wendejahr hat er die DDR, "dieses in jeder Beziehung zurückgebliebene Land", bereist und im Tagebuch seine Eindrücke notiert. Die Entwicklung, deren Zeuge er wird, macht ihn zornig. An seinem Urteil gibt es für ihn keinerlei Zweifel.
Die Einführung der Westmark habe die Wirtschaft der DDR ruiniert. Das ist wohl richtig. Aber lautete nicht der Slogan damals: "Kommt die D-Mark, bleiben wir, kommt sie nicht, gehn wir zu ihr"? Grass meint, man hätte mit den Leuten reden müssen. Sie aufklären, ganz einfach! Und wenn sie nicht hätten hören wollen? Die Antwort bleibt er schuldig. Hätte sich sein Konzept der Konföderation zweier deutscher Staaten durchgesetzt, dann hätte sich die DDR - "dieses verletzte, traurige, graue Land", wie er es realistisch nennt - entvölkert. Um das zu verhindern, hätte die Regierung sich wohl, wie Brecht einst anregte, ein anderes Volk wählen müssen.
Aber was heißt schon Volk. Dass Grass sich nur zu gern dem nationalen Mainstream widersetzt, zeigen seine Äußerungen zur Fußball-WM: Im Spiel gegen die Deutschen hält er den Tschechen die Daumen. Im Übrigen will er "lieber Zigeuner als Deutscher sein", beziehungsweise "weder Pole noch Deutscher [...], sondern zeichnen".
Dass er die Westdeutschen als Kolonialherren sieht, zieht sich leitmotivisch durch das Buch. Passend dazu schmücken selbstgezeichnete Heuschrecken das Cover. Überhaupt scheut Grass keinen deftigen Vergleich. Helmut Kohl spricht im Sportpalast-Stil ("Wollt Ihr die Einheit Deutschlands? Wollt Ihr unseren Wohlstand?"), und Sätze wie "Das Geld regiert großdeutsch" sind typisch für seine Argumentation. Wohlwollende Kritiker nennen das holzschnittartig. Subtiler bringt manche Wortwahl die Haltung des Reisenden zum Ausdruck. Als er zum Beispiel Cottbus kurz nach dem Mauerfall besucht, sieht er sein Hotel "von Westautos umstellt" wie von Feinden belagert. Und in Leipzig findet er es bemerkenswert, dass man "ganz ungeniert" Sächsisch spricht.
Auch hat sich der "Schwarzseher der Nation", wie Erich Loest ihn nennt, oft mächtig geirrt. Aber das soll ja menschlich sein. Dann wäre G.G. womöglich ein Mensch wie jeder andere? Mit seinem Tagebuch arbeitet er daran, dass dieser Eindruck gar nicht erst aufkommt. Natürlich ist es zu einem großen Teil Selbstdarstellung, mit Blick auf die Nachwelt sorgfältigst formuliert. So erfährt man, wie Grass sich sieht oder wie er gesehen werden möchte. Le style est l’homme! Gewichtig kommt er daher, bedeutungsschwanger und ohne eine Spur von Selbstironie.
Als Familienvater, der seine Kinder "genießt", ist er ja sympathisch. Der gravitätisch einherschreitende Literaturgockel, der in Lübeck einen blauen Leinenanzug ersteht, gefällt schon weniger, und der prätentiöse Hobby-Koch ("Ich bot einen französischen Gemüseeintopf zu geräuchertem Schweinebraten") nervt. Doch schier unglaublich ist, wie Grass sich als Praeceptor Germaniae gebärdet. Wer auf ihn hört, geht wie Willy Brandt als Jahrhundertkanzler in die Geschichte ein. (In puncto deutsche Einheit zeigte Brandt sich allerdings eigensinnig.) Wer aber wie Björn Engholm die Einwände des Dichters als "bloß literarische Äußerungen" abtut, ist bald weg vom Fenster. Oskar wird schon mal "ermahnt", "positiv nach vorne zu argumentieren", und brav "versprach" dieser, "mehr Klarheit in die Asylproblematik zu bringen." Vaclav Havel endlich ist eine Enttäuschung, der Mann hört einfach nicht zu ...
Vor allem aber ist Grass ein Ausbund an Sinnenlust und gutem Geschmack. Ob er südliche Kräuter erntet, Fisch mit Salbei füllt oder Pilze, diese herrlichen Phallussymbole, sucht und auftischt, immer trägt er das Spruchband vor sich her: Ich bin kein blutleerer Intellektueller. So wichtig ist ihm die richtige Lebensart, dass er, nachdem er Gast war bei einer Talkshow über Rechtsradikalismus in der DDR, notiert: "Der Wein miserabel."
Eitelkeit eines Autors ist kaum der Rede wert; diese Schwäche teilt er mit vielen großen und kleinen Leuten. Wenn sie den Leser jedoch aus jeder zweiten Zeile anspringt, möchte man ihm schon einmal stecken: Si tacuisses! Geschwiegen hat Grass ja, wenn auch in anderer Hinsicht, wie man inzwischen weiß. Ich werfe ihm nicht vor, was er ausspart, wenn er von seiner Fahrt in die Gegend um Halbe spricht. ("Dort wurde ich am 20. April '45 verwundet.") Doch dass der Leser, der etwas erfahren möchte über den Kopfinhalt des Autors, abgespeist wird mit dem Inhalt seines Backofens ("Den ersten Fisch im neuen Jahr mit beigelegtem Gemüse - Tomaten, Zucchini, Paprika"), ist ärgerlich. Aufklärung fordern, sich selbst aber bedeckt halten? Für Grass ist das kein Widerspruch; er scheint mit sich total im Reinen.
Aus sehr persönlicher Perspektive beleuchtet dieses Tagebuch Zeitgeschichte und zeigt einen Großschriftsteller ganz privat. Dabei prallt aufeinander, was nicht zusammengehört: Die mit massiver Selbstzufriedenheit zelebrierte sogenannte Kochkultur zum Beispiel und die notorischen Warnungen des Autors vor dem "Anschluß als Wiedervereinigung", immer mit dem "Hinweis auf Auschwitz als unumgängliches Gebot".

 

Günter Grass: Unterwegs von Deutschland nach Deutschland. Tagebuch 1990. Steidl. Göttingen 2009. € 20,00.