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Berlin Verlag
Michael Maar

 
Rezensionen
Michael Maar: Warum Nabokov Harry Potter gemocht hätte
 

Mehr Spaß mit Harry Potter
Joachim Feldmann

Der schlechte Ruf des schulischen Deutschunterrichts bei manch leidenschaftlicher Leserin ist nicht zuletzt dem Zwang zur Interpretation geschuldet. Das analytische Begehren des Deutschlehrers habe ihr den Spaß an der Lektüre fast völlig ausgetrieben, weiß manche Literaturfreundin zu berichten, nicht selten habe man eindrucksvolle Texte so gründlich auseinandernehmen müssen, daß nichts mehr von deren Schönheit übrig gewesen sei. Da habe es auch wenig genutzt, wenn der Deutschlehrer dann mit jenem beliebten Brecht-Gedicht angekommen sei, das behauptet, nach dem Zerpflücken der Rose sei jedes Blütenblatt von ganz eigener Schönheit.
Wer also aufgrund seiner Begegnungen mit jenen Spielarten der Literaturwissenschaft, denen die Freude an der Lektüre wenig bis nichts gilt, zu einer tiefen Abneigung gegenüber sogenannter Sekundärliteratur gelangt ist, hat nun die Chance, seine Einstellung zu revidieren. So wie die Harry-Potter-Romane der J. K. Rowling leseunwillige Kinder die Vorzüge des Mediums Buch neu entdecken ließen, gelingt es dem Kritiker Michael Maar, mit seiner Analyse eben dieser Bücher zu zeigen, daß literarisches Interpretieren großen Spaß machen kann. Maars Lektüreprinzip ist an sich recht einfach: Er will herausfinden, wie ein Text funktioniert. Und diese Tätigkeit bereitet ihm um so mehr Vergnügen, je komplexer die Struktur dieses Textes ist. Nun darf die Komplexität einer Erzählung aber kein Selbstzweck sein, sondern es muß selbst das kleinste Rädchen mit dafür sorgen, daß die große narrative Maschine effektvoll läuft, auch wenn dieser Zusammenhang bei oberflächlicher Lektüre eben nicht auffällt. Kluge Autoren wie Joanne Rowling lenken den Blick des Lesers nämlich gerne in die falsche Richtung, ein Verfahren, zu dessen Beschreibung Maar sich gerne der, hier sehr passenden, Analogie des Zaubertricks bedient. Und nicht umsonst bemüht er, um den Rang der Potter-Romane als literarische Kunstwerke herauszustreichen, einen der anerkannten Zauberer der Weltliteratur, Vladimir Nabokov, als Orientierungsgröße.
Michael Maar nimmt die Romane Joanne Rowlings nach allen Regeln der Interpretationskunst auseinander, wobei er besonderes Gewicht auf Plot, Motive und Figurenkonstellation legt, während der Erzählvorgang selbst eher indirekt behandelt wird. Hier gibt es allerdings auch nicht viel Aufregendes zu entdecken, und es ist allemal spannender, sich die Autorin selbst als magiebegabte Organisatorin einer großen Erzählung vorzustellen, als die Erzählperspektive zu problematisieren. Aber Maar zerlegt den Text nicht nur in seine Bestandteile, er baut ihn auch wieder zusammen, allerdings erst, nachdem er jedes Rädchen und jede Schraube zum Funkeln gebracht hat, so daß das Gesamtwerk anschließend, zum Nutzen des Lesers, in neuem Glanz erstrahlt.

 

Michael Maar: Warum Nabokov Harry Potter gemocht hätte. 184 Seiten. Berlin Verlag. Berlin 2002. € 14,00.