Am Erker 52

Bernd Cailloux 2006

Bernd Cailloux: 'Das Geschäftsjahr 68/69'

Bernd Cailloux: 'German Writing'

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Bernd Cailloux
Suhrkamp

 
Bernd Cailloux

Im Gespräch mit Joachim Feldmann und Marcus Jensen

Am Erker 52, Münster, November 2006
Auch als rtf-download zu haben.

"Der Schriftsteller hat schon etwas von einem Kaufmann"

Bernd Cailloux, geboren 1945 in Erfurt, wuchs in Salzgitter auf. Nach einer journalistischen Ausbildung und verschiedenen Tätigkeiten lebte er in den siebziger Jahren in Hamburg, wo er zum Kreis um die Literaturzeitschrift Boa Vista gehörte. 1977 zog Cailloux nach Berlin. Seit 1986 erschienen drei Bände mit Erzählungen im Suhrkamp Verlag, auf das Debüt Intime Paraden folgten die Bücher Die sanfte Tour (1989) und Der gelernte Berliner (1991). Daneben arbeitete Cailloux für den Rundfunk und für Zeitungen. Sein 2005 veröffentlichter Roman Das Geschäftsjahr 1968/69 (Edition Suhrkamp) wurde ein großer Erfolg bei Kritik und Lesepublikum. Die autobiographisch grundierte Geschichte dreier Freunde, die zunächst in einer Gartenlaube Stroboskop-Blitzlichter für Diskotheken herstellen und damit plötzlich zu viel Geld kommen, zeigt das Jahr der Revolte aus einer bislang ungewohnten Perspektive.
In diesen Tagen erscheint ein neuer Band mit Erzählungen unter dem Titel German Writing bei Suhrkamp.

 

Am Erker: In dieser Ausgabe von Am Erker geht es um „schnelles Geld“. Passt der Begriff überhaupt zur Literatur?

Cailloux: Doch, sicher. Das ergibt sich ja schon aus dem Doppelcharakter von Literatur als Kunst und Ware. Vor allem natürlich bei Büchern, die Bestsellern  hinterhergeschoben werden. Wenn beispielsweise Frank Schätzings Verlag nach dem massenhaft verkauften Schwarm sofort ein Sachbuch über das Meer rausbringt, weiß man, dass hier auf schnelles Geld spekuliert wird. Andererseits erinnert der Erfolg des ersten Buches daran, wie man den Begriff „schnelles Geld“ früher gebraucht hat, denn da spielt ja auch das Zufällige, das glückhaft Gefundene eine Rolle. Die traditionelle Schatzmetaphorik, das hat man in früheren Jahren durchaus positiv gesehen: Da stößt jemand zufällig oder aus Neigung auf etwas, und das bringt überraschend viel Geld, ohne dass vorher diese Absicht bestanden hätte. Heute würde ich den Begriff eher negativ belegen, weil die meisten Leute hinter schnellem Geld her sind.

Am Erker: Von den „Sterntalern“ hin zu mafiosen Verhältnissen?

Cailloux: Bleiben wir erst mal bei den „Sterntalern“, die stehen natürlich noch für die alte romantische Vorstellung, denn da ist ja eine Bedingung vorgeschaltet. Das Geld, das vom Himmel fällt, als Belohnung für tugendhaftes Verhalten. Ähnlich in Goethes Ballade Der Schatzgräber, wo jemand nachts nach einem Schatz gräbt, um sein Elend zu beenden: „Arm am Beutel, krank am Herzen ...“ Da erscheint ein Knabe, der rät ihm mit den Worten „Trinke Mut des reinen Lebens!“, durch ordentliche Arbeit an Geld zu gelangen. Wie heißt es: „Saure Wochen! Frohe Feste! / Sei dein künftig Zauberwort.“ Und das Mädchen im Sterntaler-Märchen opfert ihr letztes Hemd, um dann den Talerregen aufzufangen.

Am Erker: Bestseller-Autoren müssten demnach, bevor sie richtig Geld verdienen dürfen, tugendhaft sein.

Cailloux: (lacht) Schön wär’s. Aber Schriftsteller haben traditionell einen ziemlichen Hass aufs Geld. Schon bei Grimmelshausen: „Die unsinnige Geldliebe glühet im menschlichen Herzen heftiger als das Feuer im Schlot.“ Und später heißt es da ganz biblisch: „Man kann nicht Gott und dem Mammon dienen.“ Also, wenn einer mit Gewalt reich werden will, fällt er in die Stricke des Teufels. Es gibt ja viele Illustrationen aus der Zeit, wo das Geld mit dem Teufel in Verbindung gebracht wird, und Gold mit Kot. Die Überzeugung, dass Geld einen zerstörerischen Charakter hat, zieht sich durch die Jahrhunderte. Ich glaube, erst Georg Simmel entdeckte eine kulturschöpferische Kraft des Geldes. Heute sind wir rettungslos verstrickt, wir oszillieren zwischen Bewunderung und Verachtung – Geld – das Alleralltäglichste und zugleich das Allerunverständlichste. Deswegen interessieren sich ja so viele Leute dafür. Sie glauben vielleicht, durch Geld auf einen Schlag die Unterdrückung der Triebe loszuwerden.

Am Erker: Hat das Geld einen ganz direkten Einfluss auf das Schreiben?

Cailloux: Der Schriftsteller hat schon etwas von einem Kaufmann, als Selbstständiger gehört er in dieselbe Steuerklasse. Und ohne jetzt viel zu Günter Grass sagen zu wollen, die wenigsten Leser machen sich klar, dass der Mann Multimillionär ist. Logisch, bei diesen Auflagen, den Verfilmungen – schon perfide, dass Kritiker und Polen von ihm jetzt fordern, sein mit Literatur verdientes Geld stiftungshalber rauszurücken. Schreiben und Geld, das ist eine enge Verbindung, die die meisten Autoren allerdings eher bedrohlich finden. Übrigens hat Grass sehr viel für die materielle Situation von Schriftstellern getan, ob er sich für die Künstlersozialkasse eingesetzt hat oder für ein besseres Urheberrecht. Auf ihn wurde gehört. Und letztlich dient die ganze Affäre auch dem Versuch der Neokonservativen, sich von der lästigen, linken Moral zu befreien. Literarisch jedoch hat er mich das letzte Mal überrascht, als ich siebzehn war.

Am Erker: Die jungen Männer in Ihrem Roman Das Geschäftsjahr 1968/69, die ihre Erfindung unter die Leute bringen wollen, haben gar kein rechtes Verhältnis zum Geld. Goethes Maxime aus der Ballade, die ja auf den Spruch „erst die Arbeit, dann das Vergnügen“ herausläuft, scheint ihnen zumindest fremd.

Cailloux: Sie waren eben Beuysianer und keine Börsianer ... Joseph Beuys spielt ja eine insgeheime Rolle im Roman. Denn bevor mit dem Verkauf ihrer Stroboskop-Lichter die Schecks nur so ins Haus flattern, wird hart und ohne kommerzielle Ziele gearbeitet. Das kreative Tüfteln beim Entwickeln des Geräts – mit vielen Fehlschlägen – geht ja dem unerwarteten Erfolg voraus. Die Arbeit war das Vergnügen. In diesem Sinne steckt in dem Roman auch die positive Vorstellung des schnellen Geldes.

Am Erker: Ich habe das Gefühl, dass der Ich-Erzähler mit dem späteren Geschäftserfolg nicht so ganz glücklich ist. Mir scheint es, als ob mit dem vielen Geld auch der Idealismus der Protagonisten verloren geht. Gewissermaßen das Ende der Unschuld.

Cailloux: Es belastet den Ich-Erzähler schon, dass die Ursprungsidee, die anti-kapitalistische Theorie auch in die Praxis umzusetzen, auf die Dauer immer mehr verschwindet. Gemeinsam etwas zu schaffen und gerecht zu teilen, das war ja bis in die siebziger Jahre hinein eine sehr populäre Vorstellung. Es gab in der Szene sogar Schuhgeschäfte, die als Kollektiv betrieben wurden. Aber wenn Geld mit einer solchen Geschwindigkeit verdient wird, wie in meinem Roman, tauchen bald  Probleme auf. Der Klappentext zieht einen Vergleich mit der „New Economy“ vor sechs, sieben Jahren, und das ist sicher nicht ganz verkehrt. Es handelt sich wahrscheinlich doch um ein weniger zeitgebundenes Phänomen, als der Titel des Buches vermuten lässt. Ohne dass ich es direkt beabsichtigt hätte, zeigt der Roman schon, was passiert, wenn das Geld über Menschen kommt – Geld löst jede Idee, jede Substanz auf in die bloße Funktion. Am Ende sind die Freundschafts-Beziehungen dem Geld zum Opfer gefallen.

Am Erker: War dieser New-Economy-Vergleich Ihre Idee?

Cailloux: Nein, den Text hat mein Lektor Johannes Ullmaier geschrieben. Aber ich habe das natürlich gebilligt. Außerdem gibt es, wie gesagt, diese Parallelen ja wirklich. Viele der „Start-up-Unternehmen“ waren Garagenfirmen, und es ging oft um Hightech. Schnelles Geld wurde auch gemacht, und an dem sind manche erstickt. Nicht selten hat einer der Gründer quasi die Garage vergoldet, während die anderen auf der Strecke blieben.

Am Erker: Das Unternehmen im Mittelpunkt von Das Geschäftsjahr 1968/69 heißt „Die Mußegesellschaft“. Warum dieser Name?

Cailloux: Das wird sogar einmal erklärt. Es handelt sich um die, zugegeben recht freie, Übersetzung des Titels eines soziologischen Standardwerks aus der Mitte der sechziger Jahre, The Leisure Society. Einer der drei Firmengründer hat ja Soziologie studiert. Aber der Name ist auch als Kontrapunkt gedacht.

Am Erker: „Muße“ klingt erheblich edler als das profane „Freizeit“. Aber um Muße richtig zu genießen, braucht es doch eine gewisse materielle Grundausstattung, also Geld.

Cailloux: Richtig, aber die war eben nicht vorhanden zu Beginn. Wie sangen noch die Stones: „What can a poor boy do, but to play in a rock’n’roll band“. Also da sind drei Freunde, die natürlich kein Kapital haben, aber eine gute Idee. Und am Anfang klappt es ja auch ganz gut, denn offenbar kommen sie zum richtigen Zeitpunkt. Ein halbes Jahr zu früh oder zu spät, und aus der ganzen Sache wird nichts. Die Probleme tauchen erst später auf, wenn nämlich die einen an Idealen festhalten, während andere realistischer sind und sich durchsetzen. Andererseits ist dieses Schema dann doch zu einfach. Es stehen ja drei individuelle Figuren im Mittelpunkt des Romans. Der Techniker interessiert sich kaum für die Vermarktung des Geräts, das er schließlich entwickelt hat.

Am Erker: Das ist eher die Sache von Büdinger, der am Ende die ganze Firma übernimmt, während der Ich-Erzähler einen anderen Weg geht, bei dem Drogen keine geringe Rolle spielen.

Cailloux: Drogen sind ja den ganzen Roman hindurch präsent. In einer Kritik wird der Geschäftsrausch mit dem Drogenrausch gleichgesetzt. Das habe ich zwar nicht bewusst so angelegt, aber die Interpretation finde ich einleuchtend. Es gibt ja eine Fraktion in der „Mußegesellschaft“, die mit dem kommerziellen Kurs nicht so einverstanden ist, sich in die Drogen flüchtet und dort eine andere Wahrheit als die des Geschäfts sucht – der Betrieb und sein Schattenbetrieb eben. Und der Ich-Erzähler steht anstrengenderweise dazwischen.

Am Erker: Waren Drogen gegen Ende der Sechziger nicht auch eine Methode, schnell an Geld zu kommen?

Cailloux:  Nein, das war in den siebziger Jahren. Ich wüsste nicht, dass ich in den Sechzigern jemals wirklich etwas für Drogen bezahlt hätte. Die Leute, die den Stoff besorgten, gehörten doch selbst zur Szene und wollten zunächst kein Geld damit machen. Dass Kleinkriminelle das Drogendealen als Profitquelle entdeckten, passierte einige Zeit später. Überhaupt das Kriminelle – da geht’s ja immer um die schnelle Kohle, und wie beliebt ist das beim Publikum, der Gangster als Realisierer vieler geheimer Träume, Millionen machen in einer Rififi-Nacht oder ’nem raffinierten Casino-Besuch in Ocean’s Eleven, schneller geht’s wirklich nicht, wär’n Extra-Thema. Auch die beiden Easy Rider waren schließlich Koksdealer, bereits 1969, da kippelte die Subkultur schon.

Am Erker: Aber hat die Entstehung der Gegenkultur in der zweiten Hälfte der sechziger Jahre nicht auch profane materielle Gründe? Nick Mason, der Schlagzeuger von Pink Floyd, nennt in seiner Autobiographie als eine Ursache, dass Studenten aufgrund der besseren staatlichen Unterstützung nicht mehr nebenher arbeiten mussten und sich auf andere Dinge konzentrieren konnten.

Cailloux: Und kürzlich hat Nick Mason in einem Interview gesagt, Pink Floyd hätten schon sehr früh ihre Musik, ihre Platten kommerziellem Kalkül unterworfen. Also alles so gestylt, dass Geld und Erfolg dabei herauskommen. Wenn das stimmt, sollte man die alten Pink-Floyd-Platten nach Nordkorea schicken.

Am Erker: Was hat Sie dreieinhalb Jahrzehnte später dazu bewogen, die Geschichte dreier „Hippie businessmen“, wie sie eine Figur in dem Roman nennt, aufzuschreiben?

Cailloux:  Die Idee geht bis ins Jahr 2000 zurück, dem Höhepunkt der „New Economy“, die eigentlich das Fanal war für die totale Ökonomisierung des alltäglichen Lebens. Alle Welt interessierte sich mit einem Mal für Aktien und die Börse. Plötzlich gab es vor der Tagesschau immer einen Bericht von den Aktienmärkten. Die endgültige Machterlangung der Wirtschaft über die Gesellschaft kristallisierte sich überdeutlich heraus. Da erschien mir die Vorstellung, etwas über Aufstieg und Zerfall solcher Erfolgsblasen zu schreiben, sehr reizvoll. Weil ich aber von dieser Szene schlicht nicht genug wusste – ich kannte einfach kaum Softwaredesigner und ähnliche Zeitgenossen , habe ich eben auf eine Geschichte zurückgegriffen, die zu einem Teil auch meine eigene ist. Dabei habe ich drei Stränge verwoben. Da ist der existenzielle, also ökonomische Strang, dann die Drogenerfahrung und schließlich auch die Liebesgeschichte, die von Anfang an eine Rolle spielt. Die fängt ja auch wirklich im Mief der frühen Sechziger an. Man war sehr unfrei, sehr unwissend und unaufgeklärt.

Am Erker: Der Erzähler schildert ja nicht nur seine Bundeswehrzeit, sondern berichtet auch ausführlich von der Beziehung zu seiner ersten richtigen Freundin.

Cailloux: Und das scheinen die Leser zu honorieren. Sie erfahren richtig etwas über das Lebensgefühl der damals 20- bis 25-Jährigen. Dabei ist der Nostalgiegehalt eher gering. Das sollte auch so sein. Ich habe mit Unterbrechungen fünf Jahre an dem Roman geschrieben, den Text oft überarbeitet, auch um jeden nostalgischen Anflug zu vermeiden. Vielleicht bekomme ich deshalb weniger Reaktionen von meinen Generationsgenossen, sondern eher von jüngeren Kritikern, von Leuten in den Dreißigern, die sehen deutlich die Parallelen zwischen der Geschichte der „Mußegesellschaft“ und den jüngsten Wirtschaftsentwicklungen. Sie lavieren womöglich wie meine Figuren auch zwischen rebellischem Widerstand, Anpassungsängsten und Etablierungssehnsüchten. Das war uns allerdings '68 nicht so bewusst, in dieser revolutionären Weltsekunde, in der alles veränderbar schien.

Am Erker: Vielleicht liegt ein besonderer Reiz der Geschichte auch darin, dass sie zu einer großen Zeit spielt. Ich selbst hatte bei der Beschreibung der legendären Essener Songtage 1968 doch ein leicht wehmütiges Gefühl: Von Frank Zappa bis zu den Fugs treten die ganzen Helden der Gegenkultur auf, und die „Mußegesellschaft“ bringt ihre Geräte zum Einsatz. So in dem Sinne: Ich wäre gerne dabei gewesen. Leider war ich damals erst zehn Jahre alt.

Cailloux: Also, das Kapitel über die Zappa-Nacht im September '68 hat denn doch  etwas Nostalgisch-Historisches, das war die erste, auch noch spontan durchgezogene Rocknacht auf deutschem Hallenboden, das deutsche Woodstock, sogar vor dem Original. Obwohl auch dieses einmalige Ereignis verwoben ist mit dem ökonomischen Aufstieg der „Mußegesellschaft“, schließlich wurden hier Visitenkarten verteilt, um Kontakte zu potenziellen Kunden herzustellen. Da gab es viele Leute, die Geschäfte witterten.

Am Erker: Vielleicht hatten die sich nur noch nicht getraut?

Cailloux: Eigentlich war es eine völlig unkommerzielle Sache mit weltberühmten Bands – vom Jugendamt veranstaltet für fünf Mark Eintritt, das muss man sich mal vorstellen –, trotzdem waren schon Hunderte im Publikum, die bereits ahnten: Hier ist Geld zu machen. Übrigens war der „Pressechef“ der Songtage der umtriebige junge Henryk M. Broder. Und hinter dem „Werbefrosch“, der in dem Roman eine große Rolle spielt als verführerische Kraft, diesem Juss Jüssen, verbirgt sich natürlich der einschlägig bekannte Charles Wilp. Das kann ich ruhig sagen, den hat sowieso jeder erkannt. Und längst nicht alle waren begeistert davon. Jörg Schröder, der frühere März-Verleger, hat sich beschwert, wie ich mich erdreisten könne, einen Mann wie Wilp so schlecht wegkommen zu lassen. Habe ich nicht ganz verstanden. Aber er hat es mir sogar über meinen Lektor ausrichten lassen.

Am Erker: Hat nicht der ganze Roman eine Art „anti-utopischen“ Zug? In dem Sinne, dass alles, was kreative Leute anfangen, dazu verdammt ist, irgendwann dem Kommerz unterworfen zu werden?

Cailloux: Das ist eine schwierige Frage. Ich sehe es eigentlich nicht als Geschichte eines Scheiterns. Mein Roman hat ein Ende, aber mit der Firma kann es ja weitergegangen sein. Sie könnte sogar noch heute existieren. Mir geht es um den Zeitpunkt 1968/69, als wirklich etwas Neues beginnen konnte. Anfang der Siebziger waren viele Wege schon verstopft. Aber die Emanzipation des Einzelnen hat sich ja über die siebziger Jahre hin weiter vollzogen.

Am Erker: Das Politische spielt in Ihrem Roman eigentlich keine Rolle.

Cailloux: Das finde ich gar nicht. Das habe ich zwar gehört, es stand auch im Spiegel, aber ich bin anderer Meinung. Das Politische passiert zwischen den Figuren, an der Basis sozusagen. Was da verhandelt wird – etwa die Einheit von Theorie und Praxis oder der gleiche Lohn für alle -, war politischer als irgendwelche Sitzungen linker Gruppen, wo Papiere entwickelt wurden, von denen sich ihre Urheber heute distanzieren. Von dem, was von den Auseinandersetzungen in der „Muße-Gesellschaft“ erzählt wird, muss man sich nicht distanzieren. Sie waren durch den Bruch mit allen möglichen, überflüssigen Autoritäten vielleicht bedeutsamer für die Entwicklung der Bundesrepublik als die organisierte Linke von den K-Gruppen bis zum MSB Spartakus, die es noch nicht gab – das setzte erst ab 1970 ein.

Am Erker: Da war ja auch für viele Schluss mit dem Hippie-Dasein. Wer in manchen K-Gruppen mittun wollte, musste sich erst mal die Haare abschneiden und sich in einen Anzug zwängen, um das Proletariat nicht zu verschrecken.

Cailloux: Das hat die Geschäftsführung der „Mußegesellschaft“ dann ja auch verlangt. Eine wirklich kuriose Parallele. Den kleinen Stolperstein von 1968 haben die Kapitalisten wahrscheinlich nicht mal unter den Füßen gespürt. Aber dennoch hat sich damals etwas entscheidend geändert. Es gab plötzlich so viele Möglichkeiten, sich individuell zu entwickeln, die vorher nicht da waren. Es sind eben Anstöße gegeben worden in Richtung Freiheit. Und ein bisschen funktioniert das immer noch. Das rebellische „Blitzchen der Subversion“, von dem zu Beginn und am Ende des Romans die Rede ist, ist ja doch stärker als das Gefühl des Scheiterns. Die Sehnsucht nach der gemeinschaftlichen, alles verändernden Tat ist weiter lebendig, die Sehnsucht nach Gerechtigkeit auch. Es wird immer wieder Leute geben, die zusammen eine Idee umsetzen wollen, wie die drei Freunde in meinem Roman. So etwas kündigt sich nicht unbedingt an. Wer 67/68 durch deutsche Städte fuhr, spürte nichts von einer Veränderungsstimmung. Heute ebenfalls nicht. Darum kann so etwas auch immer wieder passieren. Man wundert sich ja, wie glatt das System durchgeht. Ich bin gerade 250 Kilometer durch die Uckermark geradelt, da zeigt sich doch ein hübscher Wohlstand. Rasenumkränzte Eigenheime, Ferienhäuser, Motorboote bis zum Abwinken, alles proper, das sieht nicht nach dräuender sozialer Unruhe aus.

Am Erker: Wovon lebt eigentlich ein Schriftsteller, der fünf Jahre an einem Roman arbeitet? Zumal zwischen Ihrem letzten Erzählband Der gelernte Berliner und dem Erscheinen von Das Geschäftsjahr 1968/69 vierzehn Jahre liegen.

Cailloux: Das ist schon ein Kunststück. Nach einer so langen Pause gilt einer ja als literarisch tot. Und manchmal fühlte ich mich auch so. Mitte der neunziger Jahre wurde ein Manuskript abgelehnt, da war ich nicht nur verärgert, sondern auch ziemlich fertig. Dann dauert es drei Jahre, bis man wieder etwas anfängt, und dann noch mal drei Jahre, bis man merkt, dass es etwas taugt.

Am Erker: Wie haben Sie sich finanziert?

Cailloux: Ich habe ja die ganze Zeit über geschrieben und auch vom Schreiben gelebt, seit ich 1980 freier Schriftsteller geworden bin. Über ein Jahr war ich Fernsehkolumnist bei der Wochenpost. Da musste ich jeden Donnerstag eine Zeitungsseite Text abliefern und konnte kaum etwas anderes nebenher machen. Später habe ich auch für die leicht verrückten „Berliner Seiten“ der FAZ geschrieben. Dazu immer wieder Radiobeiträge.

Am Erker: Sind Ihre Erfahrungen im Feuilleton die Inspiration für die schöne Geschichte vom Zitatenhandel im Erzählband Die sanfte Tour gewesen?

Cailloux: Für die Geschichte hat man mich schwer geprügelt. Sie beschreibt schon recht genau die Situation der freiberuflichen Berliner Schreiber. Es geht um Ideenklau, genauer um ein Plagiat, aber nicht unter Schriftstellern, sondern unter Feuilletonisten. Dass man sich von fremden Quellen „inspirieren“ lässt, ist ja nicht selten. Auch manche Großkritikerin holt sich die Themen doch gerne aus dem  New Yorker oder anderen Zeitschriften, von denen man weiß, dass sie nicht jeder liest. Aber dieses Milieu, das in "Abenteuer beim Zitatenhandel" karikiert wird, interessiert den normalen Leser nicht. Es gab hässliche Kritiken. „Boutiquenliteratur“ war einer der Vorwürfe damals. Und was die eine Zeitung lobte als besonders scharf gezeichnete Realitätsdarstellung, das wurde in der anderen als komplett wirklichkeitsfremd verrissen. Bei dem Buch habe ich einen Fehler gemacht, nämlich den, aus jeweils bloß schwachem Ideenzucken heraus alle Storys hintereinander weg zu schreiben. Die Erfahrung lehrt einen dann – man muss Geduld aufbringen, bis oft mit Monaten, ja Jahren Abstand wieder eine richtige Geschichte zu einem kommt.   

Am Erker: Worum geht es in Ihrem neuen Erzählband German Writing?

Cailloux: Für das Buch habe ich ausschließlich Schriftstellergeschichten zusammengestellt. Übrigens hat mein Lektor gesagt, dass es in jeder dieser Geschichten auch um Geld geht. Komisch, war mir als Erzähler gar nicht so bewusst. 

Am Erker: Es gibt ja den Spruch „Wenn zwei Autoren sich treffen, reden sie über Geld. Wenn zwei Verleger sich treffen, reden sie vielleicht über Bücher.“

Cailloux: Die ersten zehn Minuten vielleicht.

Am Erker: Ich habe das so erlebt. Wenn Autoren zusammenkommen, geht es mit Sicherheit bald um Stipendien und Preise und andere Geldtöpfe.

Cailloux: Aber wenn man länger dabei ist, weiß man doch, welche Stipendien es gibt. Darüber muss man nicht mehr groß reden. Aber eine Tatsache ist, dass die finanzielle Situation vieler Schriftsteller ziemlich miserabel aussieht. Darum geht es auch in German Writing. Da kommt manch herbe Wahrheit auf den Tisch.

Am Erker: Dabei gab es in den letzten Jahren eine Reihe von Klagen über die so genannte „Stipendienflut“, als ob sich junge Schriftsteller heutzutage vor finanzieller Unterstützung kaum retten könnten.

Cailloux: Alles Quatsch! Wer schreibt das? Hin und wieder meint halt jemand, er müsse etwas Auffallendes über die deutsche Gegenwartsliteratur sagen, und dann kommt so was dabei heraus. Übrigens war die Idee zu meinem Roman nicht unbeeinflusst davon, dass um 2000 herum überall von der Popliteratur die Rede war. Die, nur die, war sehr eng mit Geld verbunden. Da geisterten zum ersten Mal Gerüchte von gigantischen Vorschüssen für junge Schriftsteller durch die Gegend.

Am Erker: Wahrscheinlich waren die Gerüchte übertrieben.

Cailloux: Ich weiß auch nicht, ob die Leute tatsächlich so viel Geld bekommen haben, ich kenne ja keinen der „Pop-Autoren“. Aber es wurde halt so darüber geredet. Manche Verlage und der Betrieb steuern das wahrscheinlich. Ich glaube, dass die so genannte Popliteratur aus finanziellem Interesse lanciert wurde. Man hat festgestellt, dass die 20- bis 25-Jährigen nicht lesen. Das hat die Leute in den Verlagen umgehauen. Da braucht man eben ein Label, um diese Zielgruppe für die Literatur zu gewinnen. Und der Begriff „Popliteratur“ sollte den jungen Leuten suggerieren, dass es hier um ihre Gefühle und ihre Lebensweise geht. Zeitgleich wurde eben ’ne Menge Geld eingespielt in den Literaturbetrieb. Das sollte heißen, seht her, hier hat sich was verändert. Deutsche Popliteratur, das ist was von Wert, dafür kriegen die Autoren fette Vorschüsse. Das Archiv der Gegenwart ist die Popliteratur deswegen noch lange nicht.

Am Erker: Aber geht es in der Literaturgeschichte nicht immer auch um Geld?

Cailloux: Natürlich, aber im transzendierenden Sinn. Das Materielle ins Ethische zu übertragen, gewissermaßen abzugleichen, ist doch eine Aufgabe der Literatur – oder? Es hat mich gereizt, im Geschäftsjahr 68/69 so ein Erfolgsmodell hochzuziehen und es dann langsam wieder in sich zusammenbrechen zu lassen. Dass währenddessen die Spekulationsblase der „New Economy“ tatsächlich platzte, passte zu meiner Geschichte. Aber einfach war es nicht, das alles aufzuschreiben. Schließlich war es eine auch beschämende Sache, in den sechziger Jahren so viel Geld gemacht zu haben, das belastete mich seit den Siebzigern. Damals hätte ich gar nicht darüber schreiben können. Da musste erst eine gewisse Schamfrist vergehen. Geld erzeugt nun mal Irritationen, egal ob schnell und viel oder langsam und wenig. Meine Verachtung dafür wurde eher noch größer. Das Schöne am Schreiben ist ja, dass es dabei nicht um Geld geht. Und daher ist die Tätigkeit des Schriftstellers nach wie vor einer der wenigen Berufe, mit dem man so gut wie nichts verdienen kann, ohne lächerlich zu wirken.

 

Bernd Cailloux: Das Geschäftsjahr 68/69. Roman. 254 Seiten. Edition Suhrkamp, Frankfurt am Main 2005.