Am Erker 46

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Feridun Zaimoglu
Kiepenheuer & Witsch
Rezension von Frank Lingnau zu "Zwölf Gramm Glück"

 
Feridun Zaimoglu

Im Gespräch mit Frank Lingnau

Am Erker 46, Münster, Herbst 2003

Existenzielle Geschichten aus einer dunklen Welt

Am Erker: "Milch und Honig" ist das Thema dieser Ausgabe von Am Erker. Haben Sie eine persönliche Vorstellung von einem Land, in dem Milch und Honig fließen, also von einem gelobten Land?

Zaimoglu: Für mich ist das die Festung Europa oder konkret Deutschland. Das ist eine Art Versinnbildlichung des alten gelobten Landes. Dazu muss man sich einen großen Wall mit einem Diesseits und einem Jenseits vorstellen. Diesseits der Grenzen wird die Seligkeit versprochen. Da kann man sich nicht nur an Milch und Honig laben, denn dort wird vieles angeboten. Der freie Markt des Nektarflusses. Andererseits: Was ist das gelobte Land ohne die Hölle? Und da sind wir bei den Reformen, dem neoliberalen Scheißdreck, mit Verlaub. Es gibt also auch diesseits der Grenzen eine Hölle. In dieser Hölle lebt der Trash, der Menschenmüll. Dieser soll bloß nicht auf die Idee kommen, dass es einen Ausstieg aus der Hölle geben könnte. Es wird aber immer mehr Menschen geben, die in die Hölle einkehren.

Am Erker: Als Ihre Eltern Mitte der 60er Jahre nach Deutschland kamen, erwarteten sie hier, wie Sie in dem Text Kanak Attack: Rebellion der Minderheiten erzählen, das verheißene Land. Hat sich für Ihre Eltern diese Vorstellung bewahrheitet?

Zaimoglu: In dem Text, von dem Sie sprechen, versuche ich Folgendes zu zeigen: Auch wenn meine Eltern vom "verheißenen Land" sprachen, so sahen sie Deutschland zunächst als eine Chance. Es ging ihnen nicht darum, hier etwas anderes zu bekommen als das, was ihnen zustand. Sie hatten eine ganz bestimmte Vorstellung von Fleiß und Lohn. Mein Vater hat in der Lederfabrik, später in einer Montagehalle hart gearbeitet. Als ungelernter Arbeiter, als Malocher hat er immer sein Geld bekommen. Insofern hat Deutschland das Versprechen eingelöst. Es war jedoch eine Illusion, dass sie hier nur wenige Jahre zu arbeiten bräuchten und dann zurückkehren könnten. Trotz der Entbehrungen, trotz der Krankheiten, die sich eingestellt haben, sind sie hier glücklich gewesen. Sie haben das gefunden, was sie gesucht haben. Jetzt leben sie wieder in der Türkei.

Am Erker: Sie waren sieben Monate alt, als Sie nach Deutschland kamen. Was waren für Sie - auch im Hinblick auf Ihr späteres Schreiben - prägende Kindheitserlebnisse?

Zaimoglu: Vor allem die gelähmte Zunge. Man kommt in einen Klassenraum und sieht Jungen, die man als Kumpel haben möchte, und Mädchen, die schön sind und denen man mal einen Kuss auf die Wange drücken möchte. Es geht aber nicht. Wieso geht es nicht? Nicht, weil man fremd ist, sondern weil man den Klassenzimmerkodex nicht kennt. Ich wusste nicht, wie ich mich benehmen sollte. Das größte Handicap war jedoch, dass ich kaum ein Wort Deutsch konnte. Ich konnte nicht mithalten, nicht mitreden. Nicht die anderen haben sich über mich lustig gemacht, sondern ich habe mich lächerlich gemacht wegen dieser Sprach-, dieser Zungenlähmung.

Am Erker: Konnten Sie diese Erfahrung mit anderen teilen?

Zaimoglu: Nein, denn ich war der einzige Schwarzkopf an der Schule. Natürlich waren die anderen auch neugierig. Sie sind aber sehr schnell dahintergekommen, dass ich nicht der nette Junge war, der sich rumschubsen ließ, der den Klassennigger gemacht hätte. Es gab Klassennigger: ein Rothaariger, ein Mädchen mit vielen Sommersprossen, ein Dicker. Auch die waren Einzelgänger. Wir haben uns jedoch nicht zu einer Clique zusammengeschlossen, denn jeder von uns hatte den Ehrgeiz, sich dem Klassenverband anzuschließen. Ich möchte diese Zeit nicht missen, denn es war eine kämpferische Zeit.

Am Erker: Ihre Vorbilder waren damals Pelé und Muhammad Ali. Warum gerade diese Sportler?

Zaimoglu: Die so genannten Gastarbeiter sind zu 95 Prozent eine eingewanderte Unterschicht. Wir waren Bauernlümmel, der Trash. Wonach sollten wir Ausschau halten, wenn nicht nach Helden unserer Abstammung, nach Kämpfern, die wir nachahmen konnten, in den Momenten, in denen wir die Fäuste geballt haben? Pelé und Muhammad Ali waren Menschen, die aus der Unterschicht stammten und die aufgestiegen waren. Sie haben dabei jedoch nie ihre Bodenhaftung verloren und sich ihren Humor bewahrt. Sie haben nicht vergessen, woher sie kamen. Immer haben sie versucht, ihren Job besonders gut zu machen. Ich bin kein Fußballnarr. Aber wie Pelé am Ball gezaubert hat, wie Muhammad Ali im Ring getänzelt und gebrüllt hat, das war sehr lustig. Das hat mir imponiert. Ich habe beide geliebt.

Am Erker: In dem erwähnten Text erzählen Sie, wie Sie es nennen, von Ihrem "persönlichen Damaskuserlebnis". Als Sie als Schüler nach Ihrem Berufswunsch gefragt wurden, sprachen Sie von Ihrem Interesse an Bildender Kunst und Literatur und der Vorstellung, später einmal in diesen Bereichen zu arbeiten. Ihr Deutschlehrer meinte dazu, Sie sollten sich nicht verheben und eine Kfz-Lehre machen. Wie erinnern Sie heute diese Situation?

Zaimoglu: Für mich war das eine Schamsituation. Solche Situationen habe ich immer wieder erlebt, Momente, in denen ich mich plötzlich geschämt habe. Ich habe mich dann gefragt: Wieso schäme ich mich? Wieso werde ich rot? Ich habe das nicht verstanden. Ich wusste, dass es falsch war: falsch, was er sagte, falsch, dass ich rot wurde und nichts sagen konnte. Ich habe ihm damals nichts gesagt. Mein Vater hat mich so erzogen. Ich sollte gegenüber Autoritätspersonen nicht aufmucken. Das kam nicht in Frage. Ich blieb stumm.

Am Erker: War das Schreiben ein Mittel, diese Stummheit abzulegen und sich zu artikulieren?

Zaimoglu: Zunächst kam das Lesen. Ich habe Bücher gefressen. Vor allem Schund. Konsalik, Simmel, Landser-Hefte, Krimis, Groschenhefte, Frauenmagazine. Ich habe immer in die Grabbelkisten in den Kaufhäusern gegriffen. Das war billiger Lesestoff. So etwas habe ich gelesen. Ich habe eine Zeit lang nichts anderes gemacht. Der Trivialliteratur habe ich meine Erweckung zu verdanken. Schließlich habe ich angefangen, auch solche Groschenhefte zu schreiben. Mit Science-Fiction-Geschichten begann es.

Am Erker: Kanak Sprak, Ihre erste Veröffentlichung, markiert eine deutliche Abkehr von der Trivialliteratur. Zum einen ist die Sprache der Texte, die auf Interviews basieren, sehr stilisiert, stellenweise sogar poetisch. Zum anderen schienen Sie Ihr Thema, nämlich die ungeschönte Lebenswirklichkeit der zweiten und dritten Generation der Migranten, gefunden zu haben. Warum haben Sie diese Texte als "Nachdichtungen" bezeichnet?

Zaimoglu: Es sind insofern Nachdichtungen, als ich versucht habe, das Material radikal zu kürzen und zu strukturieren. Die Texte haben sich über die Begegnungen und Gespräche mit türkischen Jugendlichen und Männern entwickelt. Oft hatten sie es eilig, dann haben sie mich kurz mitgenommen, und ich habe ihnen zugehört. Sie haben das eine gesagt, das andere verschwiegen. Ich habe es dazugedichtet und ihnen dann vorgelegt. Der eine oder andere hat darauf böse reagiert und meinte, das habe er mir so nicht erzählt. Es stimme zwar, er hätte jedoch seine Gründe gehabt, mir das vorzuenthalten. Ich habe immer mehr Material gesammelt und zu Hause aufgeschrieben und ständig bearbeitet. Zunächst hatte ich noch nicht die Vorstellung, dass es ein Buch werden könnte.

Am Erker: Kanak Sprak hat sehr heftige, kontroverse Reaktionen hervorgerufen. Auf der einen Seite Lob wegen der schonungslosen Authentizität und der Musikalität der Texte, auf der anderen Seite Kritik, beispielsweise weil Erfolge der Integration bestritten und "Kanake" als Kampfbegriff eingeführt wurde. Haben Sie die Heftigkeit der Resonanz vorhergesehen?

Zaimoglu: In dieser Form nicht. Kanak Sprak erschien, und zwei Tage später hatte mein Verlag über 40 Anfragen für Lesungen. Dass ich öffentlich aus dem Buch lesen sollte, damit habe ich nicht gerechnet. Die Vorstellung, rauszugehen und zu lesen, hat mir zunächst Angst gemacht.
Denn es gab, wie Sie richtig sagen, nicht nur positive Kritiken im Feuilleton. Mir wurde auch Hass entgegengebracht. Die Texte wollten ja auch provozieren. Ich habe mit diesen Reaktionen nicht gerechnet. Ich hatte, als ich Kanak Sprak schrieb, keinen Entwurf, kein Programm.

Am Erker: Dennoch haben Sie den Schritt in die Öffentlichkeit nicht gescheut.

Zaimoglu: Plötzlich stellte ich fest: Vorlesen - das ist ein geiler Rausch. Ich merkte sehr schnell, dass ich das bin, was man eine Rampensau nennt. Ich las in ausverkauften Sälen, machte Hunderte von Lesungen, an manchen Tagen sogar zwei.
Je mehr Menschen, je mehr Kameras, desto mehr genoss ich das. Und die Zuhörer gingen mit. Ich war aber auch immer der Bad Guy, und es kamen auch Leute, die den Bösen sehen wollten, den Malcolm X der Türken, den Rudi Dutschke der Deutschländer. Erst nach dem dritten Buch habe ich begriffen, dass das Schreiben mein Job sein wird. Davor habe ich das nicht ernst genommen.

Am Erker: Nach dem dritten Buch Koppstoff, das als eine Art Fortsetzung von Kanak Sprak aus weiblicher Perspektive bezeichnet werden kann, gibt es innerhalb Ihrer Werke eine Zäsur. Mit Liebesmale, scharlachrot schreiben Sie einen heiteren, sprachlich sehr virtuosen Liebesroman, der an die Tradition des Briefromans und im Besonderen an Goethes Die Leiden des jungen Werthers anknüpft. So wie Werther an seinen Freund Wilhelm schreibt, so schreibt Ihr Protagonist Serdar von der türkischen Ägäis Briefe an seinen Freund Hakan in Kiel.

Zaimoglu: Dass ich mit Liebesmale, scharlachrot formal an Goethes Briefroman Die Leiden des jungen Werthers angeknüpft habe, war mir nicht klar. Was mir keiner glaubt: Ich kannte den Roman nicht, habe ihn auch später nie gelesen.

Am Erker: Die Parallelen gehen sogar über die Form hinaus. Da ist zum Beispiel das Motiv der Flucht. So wie Werther flieht, weil er in einer Frau Hoffnungen geweckt hat, so flieht Serdar in die Türkei, um Beziehungsproblemen aus dem Weg zu gehen.

Zaimoglu: Ich schwöre bei allem, was mir heilig ist: Das wusste ich nicht. Ich kannte Goethes Werther nicht.
Es ist viel einfacher gewesen: Meine Mutter hat lange Briefe in die Türkei zu Verwandten geschrieben, um ihnen zu beschreiben, wie es in Deutschland ist. Dann kamen lange Briefe mit vielen Fragen zurück. Gibt es wirklich diese kleinen Brote, die Brötchen heißen? An diese Briefkultur der ersten Generation habe ich mit meinem Roman angeknüpft.

Am Erker: Sie hatten sich mit Ihren ersten drei Büchern als "Kanakenchronist", wie Sie einmal genannt wurden, etabliert. Ihre Texte provozierten. Wollten Sie mit Liebesmale, scharlachrot diesen Texten einen heiteren Roman gegenüberstellen?

Zaimoglu: Die ersten Bücher, Kanak Sprak, Abschaum und Koppstoff, waren in der Tat wesentlich härter, und ich hatte mich bei den vielen Lesungen sehr verausgabt.
Jetzt wollte ich etwas Lustiges, etwas Artistisches schreiben. Die Figuren sind jedoch immer noch türkischstämmig. Ich wollte mich zudem nicht von meinen bisherigen Themen verabschieden. Eine kleine Zäsur habe ich jedoch gesetzt. Umso größer war die Freude, als man mir nachwies, dass ich an die Tradition des Briefromans anknüpfte.

Am Erker: Sahen Sie nach Ihren ersten drei Büchern nicht auch die Gefahr, dass Kanak Attack zu einer albernen Pose werden könnte?

Zaimoglu: Ja. Zum Teil war ich in Posen erstarrt. Ich habe plötzlich bemerkt, dass ich ins Verderben renne. Ich habe festgestellt, wie einfach es mir fällt, auf Knopfdruck eine Kanak-Geschichte zu schreiben. Man weiß ja, dass auch bei den blödesten Zirkuspferdchen viele Leute geneigt sind zu applaudieren.
Auch dem längst domestizierten Zirkusgaul Feridun Zaimoglu wurde applaudiert. Es gab Ermunterung, Schulterklopfen, es gab viel Geld, auch wenn das Finanzamt viel abgeschöpft hat. Es hätte immer so weitergehen können. Aber nicht ewig. Vielleicht noch einige Jahre im Rausch - doch dann wäre ich abrupt aus diesem Blütentraum erwacht. Deshalb habe ich mich zurückgenommen, habe Angebote abgelehnt, habe mich von Kanak Attack wegbewegt. Ich habe gemerkt, dass ich einen Neuanfang machen muss.

Am Erker: Ihr Roman German Amok, der im letzten Jahr erschien, scheint eher noch in der Tradition der frühen Texte zu stehen. Er spielt zwar im Milieu der Berliner Kunst-Boheme, die Entlarvung dieser Szene, ihrer Dekadenz und ihres hohlen Geredes geschieht indes sprachlich sehr drastisch. Die Tiraden des Ich-Erzählers erinnern stellenweise an die stilisierten Monologe aus Kanak Sprak.

Zaimoglu: German Amok ist die Attacke einen Possenreißers. Aber unaufgeregte Literatur ist etwas anderes. Sie können mir glauben: Ich habe zwei harte Entzugsjahre hinter mir - kein Kanak-Shake mehr. Und ständig ruft jemand an und erzählt mir, gerade jetzt ist Kanak-Attack doch en vogue, gerade jetzt müssten Sie sich doch zum Godfather der Kanak-Welle küren lassen. Da gibt es sehr viel abzuschöpfen: Einladungen von RTL und Sat 1, die mich auffordern, den Ethno-Komödianten zu machen. Das will ich auf keinen Fall, auch wenn ich damit viel Geld hätte verdienen können. Ich will viel verdienen, aber mit guter Literatur. Deshalb musste ich mich verkriechen und jeden Tag schreiben, überarbeiten, wegschmeißen, wieder schreiben. Keine Effekte mehr, keine Klugschwätzereien mehr. Zwei Jahre lang habe ich gelernt und immer wieder von vorn begonnen.

Am Erker: Häute, die Erzählung, für die Sie in Klagenfurt beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb mit dem Preis der Jury ausgezeichnet wurden, scheint sowohl formal als auch inhaltlich einen Neuansatz zu markieren. Sie erzählen von einem Fremden in einem anatolischen Dorf, der bei einem "Antiquar" ein blutbeflecktes Hochzeitslaken kaufen will. Nachdem sie sich beim Preis nicht einig werden konnten, wird dem Protagonisten die 14-jährige Enkelin zum Kauf angeboten. Wie kam es zu dieser Erzählung?

Zaimoglu: Ich wusste, diese Masche, Kanak Attack, hat sich ausgelaufen. Es wird kein Zurück mehr geben. Was ich möchte, ist: Geschichten erzählen. Der Geschichtenerzähler - und davon gibt es in meiner Sippe viele - muss seine Zuhörer fesseln. Das ist meine gewiss einfache Vorstellung von Literatur. Ich will nicht mehr herumkaspern, sondern atmosphärisch dichte Geschichten erzählen, die die Leser und Zuhörer bannen. Diese neuen Geschichten habe ich an der Ägäis geschrieben. Es war sehr heiß. Und ich habe gemerkt, dass ich diese Hitze brauche.
Ich saß an der Schreibmaschine und musste alle 15 Minuten ins Bad, um mir Wasser ins Gesicht zu spritzen. Hier trifft das kitschige Bild von der Literatur als schweißtreibende Arbeit. Es hat mir gut getan.

Am Erker: Der Titel Ihrer preisgekrönten Erzählung ist ambivalent: Häute verweist zum einen auf den Akt der Entjungferung und somit auf das blutbefleckte Hochzeitslaken, das der Fremde kaufen will. Zum anderen ist auffällig, dass die Frau des "Antiquars", die Patronin, und ihre Enkelin im Gesicht tätowiert sind.

Zaimoglu: Es sind mystische Tätowierungen. Nichts steht für das, was es ist. Das, was wir sehen, verbirgt einen Hintergrund. Einen Blick auf diesen Hintergrund, auf die Haut hinter dem Schleier zu werfen, ist essenziell. Hier wird ein Blick hinter die dörfliche Idylle geworfen. Der Auswärtige in dieser Geschichte rechnet nicht damit, dass die dörfliche Idylle von einem Moment auf den anderen zerbricht. Plötzlich geht es darum, dass die Haut der Enkelin verkauft wird.

Am Erker: In Häute wird der Leser mit einer fremden, archaisch anmutenden Welt konfrontiert. Ist das Ihr neues erzählerisches Terrain?

Zaimoglu: Zum Teil. Ich bin der Meinung, dass wir in einem Zeitalter der Post-Barbarei leben. Die Aufklärung ist auf halber Strecke verreckt. Das spiegelt sich in einigen Geschichten wider. Wir sehen, wie plötzlich das Archaische auch in unsere Welt eindringt. Man stößt auf fremde Welten, auch vor der eigenen Haustür. Ich habe aber auch Erzählungen von Männern und Frauen geschrieben, die in Deutschland leben. Geschichten von Menschen in Situationen, in denen sie sich nicht behaupten können. Das sind existenzielle Geschichten. Ich setze nicht auf einen Popmodernismus, nicht auf junge, dynamische, komödiantische Literatur, nicht auf Gekasper. Ich setze auf das, worauf ich Lust habe. Und das ist eine dunkle Welt, hier wie dort.

Am Erker: Ist das auch der Abschied von dem Anspruch, sich dezidiert politisch zu äußern?

Zaimoglu: Die neuen Geschichten werden für sich sprechen. Ich habe meine Großmäuligkeit satt. Ich habe mich immer wieder dabei ertappt, wie ich mich nur pseudopolitisch geäußert habe. Selbstverständlich ist mein Zorn nicht versiegt. Der Zorn ist jedoch ein schlechter Ratgeber, wenn man den Anspruch hat, gute Geschichten zu schreiben.

 

Feridun Zaimoglu: Zwölf Gramm Glück. Erzählungen. 236 Seiten. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2004