Königs Erläuterungen zu Sten Nadolnys 'Die Entdeckung der Langsamkeit'

Sten Nadolny: 'Netzkarte', Erstausgabe, List 1981

Sten Nadolny: 'Die Entdeckung der Langsamkeit', Erstausgabe, Piper 1983

Sten Nadolny: 'Selim oder Die Gabe der Rede', Erstausgabe, Piper 1990

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Sten Nadolny

 
Sten Nadolny

Im Gespräch mit Rudolf Gier

Am Erker 22, Münster 1990

"Man soll eine gut erzählte Geschichte nicht durch die Wahrheit verderben."

Am Erker: Die handelnden Personen Ihrer Geschichten haben eines gemeinsam: Sie sind unterwegs. In dem Roman Netzkarte setzt sich der Studienreferendar Ole Reuter in den Zug und reist durch Deutschland, auf der Suche nach sich selbst und nach schönen Frauen. Den Seefahrer John Franklin (Die Entdeckung der Langsamkeit) verschlägt es fast bis zum Nordpol. Und auch in Ihrem neuen Buch Selim oder die Gabe der Rede sehen sich die Protagonisten die Welt an. Über den Türken Selim, der nach Deutschland kommt und in diversen Städten sein Glück versucht, heißt es an einer Stelle: "Für ihn war es immer wichtig, eine Umgebung zu verlassen, denn anders konnte er seiner Geschichte keine Wendung geben." Steckt in dem Schriftsteller Sten Nadolny ein verhinderter Entdeckungsreisender, der in der Literatur seiner Abenteuerlust nachgeht?

Nadolny: Genauso ist es. Ich habe eine Sehnsucht, die ich wahrscheinlich aus Kinderzeiten herübergerettet habe. Es ist die Sehnsucht, Neues zu entdecken, was man ja nicht nur reisend, sondern auch in Büchern tun kann. Zu meiner Entdeckerauffassung gehört, dass ich Bücher und Bibliotheken liebe. Dort stöbere ich und fische heraus, was ich auf meiner Romanreise gebrauchen kann.

Am Erker: Alexander – neben Selim die zweite Hauptfigur – phantasiert von einer "Welterzählungswirtschaft". Hinter diesem schönen Begriff verbirgt sich eine ungewöhnliche Auffassung: Geborgenheit entsteht nicht durch konstantes Zusammenleben, sondern die Menschen erfahren Geborgenheit, wenn sie sich von dem erzählen, was sie nicht gemeinsam erlebt haben.

Nadolny: Ich glaube, dass es so zusammenhängt: Das, was wir längst kennen, schafft auf Dauer keine Geborgenheit, denn es ist wie eine Insel, von der wir nicht wissen: ist es eine, oder ist es etwas, das untergehen kann. Wenn drumherum zu viel ist, was uns nicht bekannt ist und was wir auch nicht erzählt bekommen, dann bewältigen wir das nicht. Es gibt Leute, die ziehen sich auf ganz enge Ideologien zurück, wollen immer das Gleiche hören und sterben vor Angst, weil die Außenwelt immer bedrohlicher für sie wird. Diese Einschränkung des Erzählstroms, was zur Folge hat, dass nichts Fremdes mehr bearbeitet wird, ist ein Weg in die falsche Richtung. Nur ein Beispiel: Ich durfte mal bei einer Gehirnoperation dabei sein. Ich war ganz begeistert und habe später davon erzählt. In der Zuhörerrunde sitzt einer, der sagt: "Oh Gott, mir wird gleich schlecht, hör bloß auf damit." Ich erzähle trotzdem weiter, und er hört mir auch zu. Und er erfährt etwas, was für ihn bisher eklig und furchtbar und mit Angst verbunden war. Er hatte einen Horror vor Chirurgen, vor Krankenhäusern, vor Krankheit, also auch vor der Zukunft, die ihm all dies bringen könnte. Jetzt weiß er, dass mit einer Operation etwas Großartiges geleistet, dass Leben gerettet werden kann.

Am Erker: Selim ist ein ziemlich optimistischer Typ. Hat es damit zu tun, dass er gern und viel erzählt?

Nadolny: Sein Optimismus kommt aus dem Erzählen, aber auch sein Erzählen aus dem Optimismus. Das ist so ein Henne-Ei-Problem. Verzweifelte Menschen erzählen sehr wenig, werden immer stummer und versuchen schließlich, gar nicht mehr da zu sein. Erzählende Menschen, das sind Leute, die Raum einnehmen, hörbar werden und erfahren, dass das Erzählen auch belohnt wird. Man gewinnt vielleicht Freunde und es geht zuversichtlicher weiter. Selim ist einer, der sich erzählend aus der Katastrophe, die er zu Hause in der Türkei erlebt hat, gerettet hat. Dass er dann letztendlich nicht der große Sieger wird, nun ja, so ist das Leben.

Am Erker: Es gibt in Ihrem Buch einen Roman im Roman. Die eigentliche Romanhandlung wird nicht vom Autor, sondern von Alexander erzählt. Die Darstellung erfolgt aus einer Perspektive, die nicht allwissend ist. Resultiert diese Erzählkonstellation aus der Skepsis, am Ende des 20. Jahrhunderts kaum noch 'souverän' einen Roman schreiben zu können?

Nadolny: Das ist der Hauptgrund, warum ich sozusagen diese Zweifels-Stufe eingebaut habe. Über Deutsche und Türken so zu schreiben, als ob man über alles Bescheid wüsste, wäre anmaßend. Deswegen brauche ich einen zaudernden, zögernden und immer nachdenklicher werdenden Erzähler. Ich weiß, dass das manchen nicht gefällt. Die wünschen sich eine Großmutter, die ihnen Märchen erzählt. Aber die bin ich nicht.

Am Erker: Im ersten Teil des Romans werden verschiedene Geschichten nebeneinander erzählt. Durch Alexanders eingestreute Tagebuchaufzeichnungen, in denen die zurückliegenden Ereignisse reflektiert werden, weiß der Leser zwar, dass die Figuren sich irgendwann begegnen werden. Aber ich hatte das Gefühl, dieses Erzählen in nebeneinanderliegenden Handlungen funktioniert auch so und liest sich durchaus spannend. Gibt es hierfür eine Erklärung, eine Erzählmethode?

Nadolny: Ich verstehe nichts von Erzählmethoden im Allgemeinen. Ich versuche aber eine Erklärung, warum es funktioniert. In amerikanischen Filmseminaren wird immer gefragt: "Whose story is it?" Wenn man weiß, wessen Geschichte erzählt wird, dann geht man mit. Es gibt aber Filme, zum Beispiel von Eisenstein, nehmen wir Panzerkreuzer Potemkin. Well, whose story is it? In diesem Fall ist es die Geschichte des unterdrückten Volkes, das sich gegen seine Unterdrücker erhebt. Es bedarf also keiner Hauptfigur. Wenn man nicht weiß, worum es dabei geht, kann so etwas natürlich völlig auseinanderlaufen. Aber wenn eine bestimmte Perspektive da ist, dann funktioniert es. In meinem Roman ist es die Perspektive einer Generation, die zu Wort kommen möchte. Es sind junge Leute, die noch nicht ernst genommen, die von ihren Vätern, Lehrern, Vorarbeitern manipuliert und eingeschüchtert werden. Sie bilden die Generation, die im Kommen ist. Dazu gehört, dass sie sich zu Wort melden, dass sie zur Sprache finden, dass sie sich hinstellen und den Mund aufmachen. Diese Perspektive vereint sie zu einer Geschichte. Das Thema bindet sie zusammen. Ich habe ein Vorbild für diese Art der Verflechtung. Werner Jörg Lüddecke war ein Schriftsteller, der nach dem Krieg in vier oder sechs Wochen einen Roman mit dem Titel Schatten geschrieben hat. Darin hat er parallelbühnenartig lauter Personen beschrieben: Nazis, Nichtnazis, Männer, Frauen, alle möglichen Typen. Er verfolgt, was aus denen innerhalb der kurzen Zeit zwischen Kriegsende, Schwarzmarktzeit und Besatzung wird. Einige gehen unter, andere steigen auf, die einen haben Glück, die anderen Pech. Vor allem einige miese Typen sind ziemlich schnell wieder oben, was der Geschichte einen schmerzlichen Biss gibt. Architektonisch ist das Buch genial angelegt. Ich dachte nun: Wenn die Leute ein gemeinsames Schicksal haben, wenn es um eine gemeinsame Sache geht, dann kannst du auch viele Schicksale parallel erzählen. Lüddecke hat es gemacht wie in einem Theater mit einer Art Schaubühneneffekt. So ging es bei mir nicht. Ich brauchte etwas anderes, das den Rahmen absteckte für die verschiedenen Schicksale, und das war mein Erzähler. Lüddeckes Buch hat darin ermutigt, nicht nur linear zu erzählen, sondern zu unterbrechen und Reflexionen, auch Wut- und Brandreden einzubauen.

Am Erker: Der zweite Romanteil spielt zur Zeit der Studentenbewegung. Offenbar haben die Studenten damals vor allem untereinander zu viel polemisiert und sich zu wenig erzählt und zugehört. Die APO wird ganz schön kritisiert.

Nadolny: Kritisiert wird nicht der antiautoritäre Aufbruch, die Ahnung von Freiheit, das Engagement gegen den Vietnamkrieg oder der Widerstand gegen verhärtete Strukturen der Machtausübung, wie anlässlich des Todes von Benno Ohnesorg, als völlig zu Recht Aufregung ausbrach und wo man dachte: "In welchem Staat leben wir eigentlich?!" Kritisiert wird ein bestimmter Verhaltenstyp innerhalb der Studentenbewegung, der leider dominant wurde. Da hat sich - im antiautoritären Gewand – das elterliche autoritäre Erbe fortgesetzt. Deshalb kommen in dem Roman solche Typen wie der Lindig vor, die sehr überheblich von oben herab im Befehlston agitieren. Sie machen alle runter, die nicht ihrem angeblichen Bewusstseinsstand entsprechen, die das angeblich "falsche Bewusstsein" haben, oder die "reaktionär" sind oder "scheißliberal". Dieses Verdächtigen, dieses Lenken und Manipulieren wurde dominant, worunter nicht nur ich gelitten habe. Ich war damals Student in Berlin. Anfangs war ich ganz begeistert, ich habe die ersten marxistischen Ausflüge mitgemacht und hielt das Ganze für eine großartige Bewegung. Und dann habe ich bemerkt, wie gemein man sich gegenseitig behandelte. Da lag etwas in der Art, wie man miteinander redete, wie man nichts mehr erzählte und die Zweifel, die man hatte, nicht mehr mitteilte. Ich möchte mit meinem Buch auch angehen gegen solches Reden von oben herab, gegen die Überheblichkeit, die kein Ohr dafür hat, was vielleicht von dem anderen kommen könnte.

Am Erker: Ihr Stil ist aber gar nicht besonders bösartig; ich finde, Sie kritisieren eher auf charmante Art und Weise.

Nadolny: Ich glaube, bei mir ist das so: Die Boshaftigkeit ist ein Hilfsmotor. Ich freue mich, wenn ich weiß, heute kommt der Genosse Lindig dran. Es gibt die Stelle in dem Buch, wo er den Gesinnungswachtmeister spielt und sich dunkel drohend gebärdet nach dem Motto: "Du warst ja gestern nicht bei der Demonstration, findest du das eigentlich richtig? Rechtfertige doch mal dein Selbstverständnis!" Diese Art, raubtierhaft zu reden und zu drohen, die zu beschreiben, macht mir Spaß. Dann stehe ich morgens gern aus dem Bett auf und sage mir: "Heute kommt Lindig dran." Aber während des Schreibens entstehen dann Texte, die doch nicht nur böse sind. So richtig hassen, das kann ich nicht. Nicht als Erzähler.

Am Erker: Sie bauen eine Opposition auf zwischen privatem Erzählen und öffentlichem Reden. Die öffentliche Rede erscheint, wie zur Zeit der APO, als übles Manipulationsinstrument. Ist es nicht legitim, durch Rhetorik zu überzeugen?

Nadolny: Natürlich! Es gibt da Unterschiede: Es gibt eine öffentliche Redeweise, die näher an der Manipulation und an der Einschüchterung liegt, und es gibt eine andere, die dem Erzählen nähersteht und die Einwände zulässt. Mit der letztgenannten Rede kann man schöpferisch umgehen. Es gibt gute Reden, die eher überzeugen als manipulieren. Insgesamt aber kommt die öffentliche Rede in meinem Buch schlecht weg, weil sie weithin heruntergekommen ist. Da sind diese unsäglichen Reden zu irgendeinem Anlass. Wenn der Redner ans Glas klopft, dann sind wir doch alle schon bedient und schauen, wo der Ausgang ist. Oder die völlig im Zweckdenken aufgehende Rede im Bundestag, wo man selten mal das Gefühl hat: Hier leuchtet der Geist der Sache durch, hier ist eine Leidenschaft zu spüren. Oft wird nur der Grabenkrieg zwischen den Parteien verwaltet.

Am Erker: Der zweite Romanteil endet pessimistisch. Die Lebensentwürfe der Protagonisten scheitern. Damit rückt ein besonderes Merkmal des Erzählens in den Vordergrund. "Hoffnung und Euphorie stellen sich ein, wenn Menschen zusammenkommen und sich Theater vorspielen", denkt Alexander. Eigentlich erzählt man sich ja etwas, um der Wahrheit näherzukommen. Hier wird propagiert, dass man sich ruhig gegenseitig die Hucke volllügen soll.

Nadolny: Diese Tendenz entstammt aber einer bestimmten Phase des Romans, die mit einem besonderen Lebensabschnitt Alexanders zusammenfällt. Und sie entspringt außerdem einer bestimmten Phase der Geschichte meiner Generation. Es war eine Zeit, in der man aus Enttäuschung in den Zynismus flüchtete. Der Hintergrund für diese Tendenz war Verzweiflung. Das hat angefangen mit dem Einmarsch der Sowjets in die CSSR, mit dem Auseinanderfallen der Studentenbewegung und mit der Enttäuschung über den Terrorismus, der ein grässlicher Spiegel war, in den man als Linker blickte. Da haben dann einige plötzlich das Locker-vom-Hocker-Sein entdeckt. Wahrheit oder nicht Wahrheit, ganz egal, Hauptsache, man wurde akzeptiert und konnte irgendwie "verkaufen". Gute Laune stellte sich ein, wenn man sich was vormachte. Natürlich war das wenig sinnvoll, was ja auch später in Alexanders Reflexionen zum Ausdruck kommt. Dort taucht der Satz auf: "Es gibt kein Erzählen ohne Verantwortung". In einem Roman ist es ja so, dass eine Reihe von Meinungen, Annahmen und Hypothesen durchgespielt und oft wenig später erledigt werden. Übrig bleibt das Erzählen.

Am Erker: Alexander zitiert in seinen Aufzeichnungen ein keltisches Sprichwort: "Man soll eine gut erzählte Geschichte nicht durch die Wahrheit verderben." Nachdem Selim gestorben ist, ringt Alexander um ein gutes Ende für seinen Roman. Am Anfang hatte er seine Geschichte im Griff, am Ende droht sie ihm zu entgleiten.

Nadolny: Das Buch hat drei Teile. Man könnte diesen Teilen heimliche Überschriften geben, was ich aber nicht getan habe, weil ich kein Lehrbuch schreiben wollte. Über dem ersten Teil könnte stehen: Die Suche nach der Wahrheit. Damit meine ich einen gewissen Mystizismus, der anfällig ist für die angebliche Wahrheit, die serviert wird. Das kann die Bundeswehr sein, das kann die Kirche sein, das kann aber auch Marcuse sein. Sie servieren uns die Wahrheit, wenn wir denn so stark darauf angewiesen sind. Das zerfällt. Dann kommt eine Phase, wo man sagt: Nichts ist wahr. Altes ist höchstens plausibel oder akzeptabel. Es ist so eine konstruktivistische Denkweise: Wir machen das selbst, woran wir glauben und woran wir uns halten. Im dritten Teil des Buches, der von der Trauer um Selim überschattet ist, stehen Überlegungen über das leichte und schwere Erzählen im Vordergrund. Alexander ringt um das Erzählen. Und das ist sozusagen im sinfonischen Sinn der dritte Satz. Es geht ihm nicht mehr um die Wahrheit, aber auch nicht nur darum, effektvoll irgendetwas daherzureden. Es ist die Liebe, die hineinmuss. Sie macht glaubwürdig, sie bringt den Ernst und den Humor. Sie bringt nicht die Wahrheit, die ist nicht zu haben. Aber sie lässt auch nicht alles zerfallen.

Am Erker: Haben Sie den dritten Teil, der das Erzählen besonders stark in Betracht zieht, glatt herunterschreiben können, oder ist er das Ergebnis langer Reflexionen über die Probleme des Erzählens?

Nadolny: Nein, diesen Teil habe ich leicht schreiben können. Erzählerische Probleme hatte ich vor allem im ersten Teil, weil es mir widerstanden hat, 'souverän' zu erzählen. Ich habe viel darüber nachgedacht, wie ich meine Zweifel stärker einbauen konnte. Dann merkte ich, dass der Roman seinen Gang nehmen muss, dass ich dialektisch vorgehen kann. Ich fing mit diesem sogenannten souveränen Erzählen an, mit den treuherzigen Türken und den netten Erlebnissen. Erst allmählich sollte herauskommen, dass Alexanders erzählerische Unsicherheiten zum Thema gehörten. Und darüber habe ich leicht schreiben können. Ich meine, nicht unsere Romane sollten souverän sein, sondern wir. Dazu gehört, dass das Erzählen gerettet und nicht, dass ein Roman rund werden muss, mit theaterartigem Abschluss und Apotheose. Wenn es schon eine Apotheose geben soll, dann muss sie als Fiktion kenntlich sein. Es soll sich niemand hinstellen und sagen: "Das ist das Leben, und so hat daher ein Roman im ausgehenden 20. Jahrhundert zwischen Deutschen und Türken auszusehen."

Am Erker: Eine letzte Frage: Wir haben viel über das Erzählen und über die Wahrheit geredet. Haben Sie in diesem Gespräch die Wahrheit gesagt?

Nadolny: Jedenfalls habe ich nicht bewusst gelogen. Es gibt ja so etwas wie wahrheitsgemäßes Erfinden, etwas frech, aber nicht verantwortungslos. Es reicht an die Wahrheit nicht heran, aber es ist dem Menschen zugänglich, das ist doch auch was.

 
Sten Nadolny: Selim oder Die Gabe der Rede. Roman. München, Piper 1990.