Am Erker 70

Henning Ahrens: Glantz und Gloria

Radek Knapp: Der Gipfeldieb

Thomas Glatz: Beinaheallgäukatzenkrimi

 
Fritz Müller-Zech 70
Die Fritz-Müller-Zech-Kolumne
 

Übelste Provinz, das ist der Ort Glantz, gelegen im Westen des Feuerbergtals, so genannt, weil ebendort zwischen 1590 bis 1630 angebliche Hexen verbrannt wurden. Dieses Tal also befindet sich inmitten des Düsters, einem deutschen Mittelgebirge, das der Autor Henning Ahrens ebenso erfunden hat wie den Rest der Topografie, die in seinem neuen Roman Glantz und Gloria zum Schauplatz eines gar furchtbaren Trips wird. Hier sind die alten Märchen und Mythen noch lebendig, und die Fremden mag man nicht. "Wichserzecken! Opferschwuchteln! Stutzergecken!", ruft die örtliche "Teufelsbrut", wenn es wieder einmal gilt, unerwünschte Ankömmlinge zu vertreiben. Und die sich aus verschiedensten Registern bedienende Wortwahl zeigt bereits, dass wir es hier mit einer Sprachanstrengung von unberechenbarer Eigendynamik zu tun haben. Ahrens‘ Erzählprosa ist gegenwärtig und geschichtsbewusst zugleich. Auf staunenswert virtuose Weise bemächtigt sie sich des dumpf-fauligen Provinzmorasts und verwandelt ihn in literarisches Material, auf dass es den Leser schaudern lässt.
Das gefällt mir, obwohl ich es in letzter Zeit gar nicht mehr so schätze, wenn mir Bücher derart nah auf die Pelle rücken. Zu lange schon empfinde ich meine eigene Existenz als romanhaft. Es wäre allerdings ein Werk von atemberaubender Ereignislosigkeit. Man lässt mich in Ruhe. Meine Nachbarn sind grobe Gesellen, die gerne mal die Straße herunterrandalieren, doch ich bleibe unbehelligt. Gelegentlich sitze ich nachts in meiner Werkstatt und schreibe Protestnotizen gegen das Alter. Der üppige Wuchs von Nasen- und Ohrenbehaarung ist mir ebenso zuwider wie die Arthritis, die sich schleichend in meinen Gelenken breitmacht. Manchmal gönne ich mir ein warmes Fußbad, um meine Zehennägel vor dem Kürzen einzuweichen. Diese Minuten der Muße nutze ich gerne zur leichten Lektüre. Wie schön, dass der aus Polen stammende und heute in Wien lebende Autor Radek Knapp ein neues Buch geschrieben hat, dessen Wirkung auf ein missgestimmtes Gemüt nur als phänomenal zu beschreiben ist. Dabei geht es in Der Gipfeldieb vor allem um Alltägliches, Alter und Tod inbegriffen. Ludwik Wiewurka heißt der Held dieses mild melancholischen, gelegentlich aber auch sehr komischen kleinen Romans. Der nicht mehr ganz junge Mann, immerhin ist er fast 34, kam als 12-Jähriger mit seiner Mutter aus Polen nach Wien. Und endlich scheint ihm das Glück hold. Als Zählerableser für die Firma Wasserbrand und Söhne hat er eine Arbeit gefunden, die ihm täglich gute Laune bereitet. Außerdem darf er endlich Österreicher werden. Dumm nur, dass er kurz nach dem feierlichen Akt zum Bundesheer eingezogen werden soll. Damit hatte Ludwik nicht gerechnet. Allerdings zeigt sich das Schicksal gnädig und ermöglicht ihm, als Zivildiener in einem Altersheim unterzuschlüpfen. Zu diesem Zeitpunkt ist man schon in der Mitte des Buches angelangt, was einen Eindruck von Ludwiks Erzählgeschwindigkeit vermittelt. Radek Knapp gönnt seinem Helden den einen oder anderen narrativen Umweg. Das ist wunderbar beruhigend.
Nun sollte man nicht glauben, hier verschlösse ein mit Naivität gesegneter Erzähler sein Auge vor den Zumutungen unserer Realität. Aber er ist auf eine altmodische Art höflich und lässt sie uns selbst erkennen, wenn wir es denn wollen.
Noch geeigneter zur kurzweiligen Lektüre ist ein Miniroman des sehr geschätzten Thomas Glatz. Sein Beinaheallgäukatzenkrimi, den man bequem in der Westentasche mit sich herumtragen kann, empfiehlt sich als Buch für alle Gelegenheiten. Erzählt wird die Geschichte des Herrn L. aus Berlin, den es in den Kurort Bad Katzenhirn verschlagen hat. Dort nämlich scheint die Liebe zur Literatur ausgebrochen, denn es wurde ein Turmschreiberstipendium ausgeschrieben, obwohl das Städtchen zwar eine Schmelzkäsefabrik  und ein Heimatmuseum,  mitnichten aber einen Turm vorweisen kann. Also darf sich Herr L. in einem Apartment seiner Schreibblockade widmen. Denn mehr als ein paar Zeilen wird er nicht zu Papier bringen. Der Katzenkrimi bleibt ungeschrieben, und misslungene Verse werden durchgestrichen. Am Ende - ja am Ende steht eine Überraschung für die Kulturbürokratie von Bad Katzenhirn an. Ein zweites Turmschreiberstipendium wird es jedenfalls nicht geben. Vielleicht kann man von Glück sagen, dass Herr L. eine literarische Figur ist und der Ortsname fiktiv. Ein Glück ist auch dieses vom Autor liebevoll illustrierte Bändchen. Thomas Glatz, ein Mann von ausgezeichnetem Wahrnehmungssinn, schreibt nämlich, aller Literarizität zum Trotz, hyperrealistische Prosa. Wer möchte, erfährt hier mehr über unsere Wirklichkeit, als ihm lieb ist. Und da sage ich natürlich nicht Nein.

 

Henning Ahrens: Glantz und Gloria. Ein Trip. 173 Seiten. S. Fischer. Frankfurt am Main 2015. € 18,99.

Radek Knapp: Der Gipfeldieb. Roman. 205 Seiten. Piper. München 2015. € 20,00.

Thomas Glatz: Beinaheallgäukatzenkrimi. Ein Miniroman. 88 Seiten. Black Ink. Scheuring 2015. € 7,00.