Am Erker 61

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Suhrkamp Verlag
Hans Magnus Enzensberger
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Gregor Hens

 
Fritz Müller-Zech 61
Die Fritz-Müller-Zech-Kolumne
 

Der junge, irgendwie erschrockene Dichter spielte mit Worten. Und mir tat mein Hintern weh. Um mich herum spürte ich andächtige Kulturbeflissenheit. Gerne wäre ich einfach aufgestanden und gegangen, aber ich hatte einen Ruf zu verlieren, denn schließlich gelte ich manchen noch immer als Experte für neue Literatur. Dabei öffne ich die meisten Neuerscheinungen nurmehr unter Schmerzen. Vor allem, wenn sie reimlose Gedichte enthalten. Bietet doch der Gleichklang von Endsilben eine schier unerschöpfliche Quelle des Frohsinns, wie ich erst vor kurzem, beim Blättern in Hans Magnus Enzensbergers prachtvollem Album wieder einmal feststellen durfte. "Hat sich's für Erich Fried gelohnt,/ daß er fürs deutsche Lied gefront?" heißt es da in einer "Kleinen Kulturgeschichte" aus der Feder jenes Andreas Thalmayr, der schon häufiger als Enzensbergers alter ego interessante Beiträge zu den Möglichkeiten gebundenen Sprechens geliefert hat. "Vor Jahren führte Ulla Hahn/ den Lyrik-Hula-Hula an", weiß ein anderer dieser maßvoll geschüttelten Verse und erinnert so an eine Dichterin, die einst dem formlosen Treiben ihrer Kollegen erfolgreich entgegengetreten war.
All das half mir nun wenig. Im linken Bein begann es zu kribbeln, doch an eine radikale Positionsveränderung war kaum zu denken. Der Dichter vorn auf der Bühne sagte etwas. Ich verstand "Treckerfahr'n", dachte an die Agrarsubventionen der Europäischen Gemeinschaft – bevor sie sich in "Union" umtaufte - und sehnte mich nach einer filterlosen Zigarette, am besten Eckstein oder Overstolz. Dabei rauche ich schon lange nicht mehr. Aber mir geht es ähnlich wie dem Schriftsteller Gregor Hens, der in seinem anrührenden biografischen Aufsatz Nikotin bekennt, dass er zwar das Rauchen aufgegeben habe, aber immer noch Momente erlebe, in denen er an nichts anderes denken könne als an Zigaretten. Und man gewinnt den Eindruck, dass er seinen Lesern, obwohl er keinen Zweifel an den unappetitlichen Aspekten der Nikotinsucht lässt, ein ähnliches Gefühl bescheren möchte. Selten empfand ich das Verschwinden der ovalen Orientzigaretten vom Markt schmerzlicher als bei der Lektüre dieses Buches. Sofort wollte ich den Bus nach Recklinghausen nehmen, um in einem der letzten gut sortierten Tabakgeschäfte in der Fußgängerzone zu überprüfen, ob sich tatsächlich keine der attraktiven Schachteln mit Beduinenmotiven mehr auftreiben ließe. Bliebe dieser Versuch, was zu erwarten war, erfolglos, könnte ich ja noch immer eine Schachtel Juno oder Roth-Händle erwerben. Doch ich blieb sitzen, las weiter in Hens' schönem Büchlein, dessen Umschlaggestaltung farblich an Zigarettenverpackungen der siebziger Jahre erinnert, und dachte an die vielen Male, bei denen mich Lehrer beim Rauchen erwischt hatten. Einmal, es war in der Obertertia, musste ich zur Strafe eine ganze Mathestunde lang vorne in der Klasse stehen, während Herr Ocker davon erzählte, wie sich Nikotinsüchtige im Kriegsgefangenenlager erniedrigt hätten, um die weggeworfenen Kippen des Wachpersonals aus dem Dreck aufzuklauben.
Der junge Lyriker drehte übrigens selbst und stellte sich dabei gar nicht ungeschickt an. Wahrscheinlich feilte er stundenlang rauchend in einer zugigen oder überheizten Mansardenwohnung in Friedrichshain an Formulierungen, während draußen die S-Bahn vorbeipolterte. Manchmal ließ er einen beschriebenen Zettel zu Boden segeln, stand auf und schaute sich an, wie die Wörter aus ein Meter achtzig Entfernung wirkten. Dann trank er in der Küche Wasser aus dem Hahn, biss in einen Apfel oder telefonierte.
Plötzlich wurde es unruhig im Saal. Ich schlug die Augen auf, es war Pause, ich konnte verschwinden. Im Zug las ich in einer Zeitung, dass der Schriftsteller Lutz Rathenow sich in den nächsten Jahren um die Stasi-Akten in Sachsen kümmern wird. Auf den Literaturbetrieb könne er derweil gut verzichten: "Ein Lyriker weniger auf dem Markt - da schreit die Welt nicht auf." Ich erhob mich, um ein Raucherabteil zu suchen, als mir einfiel, dass es so etwas schon lange nicht mehr gab. Und was ich dort gewollt hätte, wusste ich auch nicht. Am Hauptbahnhof Recklinghausen stieg ich aus. Es regnete. Der letzte Bus nach Oer-Erkenschwick war abgefahren. Aber im Kroneneck brannte noch Licht. Ein handschriftlicher Zettel an der Tür verkündete motzig: Raucherkneipe!

 

Hans Magnus Enzensberger: Album. Unpaginiert. Suhrkamp. Berlin 2011. € 39,90.

Gregor Hens: Nikotin. 191 Seiten. S. Fischer. Frankfurt am Main 2011. € 17,95.