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Fritz Müller-Zech 56
Die Fritz-Müller-Zech-Kolumne
 

"Das Leben, Herr Müller-Zech", sagte der Mann hinter dem Schalter und lächelte, "das Leben ist nun mal kein Ponyhof." Dann wandte er sich mit einem großen Schwunge ab, so wie Leute, die mit ihrem Lachen allein sein wollen, während ich noch einige Sekunden lang regungslos an meinem Platz verharrte. Die Auskunft hätte nicht schlimmer sein können. Seit zwei Monaten hatte mein Girokonto bei der örtlichen Sparkasse keinerlei Eingänge zu verzeichnen. Und nun sei auch mein Kreditrahmen erschöpft, das hatte mir Herr Fliederbusch, mein so genannter Kundenbetreuer, unmissverständlich mitgeteilt. Überhaupt wäre die Sparkasse nicht traurig, sollte ich mich entscheiden, meine Geldgeschäfte - bei diesem Wort wusste Fliederbusch kaum an sich zu halten - künftig bei einem anderen Institut abzuwickeln. Noch sehe man davon ab, mir das Konto schlicht zu kündigen, wenn ich mich aber nicht schleunigst ans Geldverdienen mache, sei eine weitere Zusammenarbeit - und wieder hatte mein Gesprächspartner sichtliche Mühe, ernst zu bleiben - ausgeschlossen.
Das war im August. Die Sonne schien, als ob sie keine andere Wahl hätte, und noch ahnte niemand, dass ähnliche Gespräche in nicht allzu ferner Zukunft mit Zeitgenossen geführt werden würden, die in der Welt der Finanzen ganz anders verwurzelt waren als ich, ein aus freien Stücken beschäftigungsloser Literaturkritiker. Denn ich war, da hatte Fliederbusch recht, mitnichten das Opfer eines unbarmherzigen Schicksals. Ohne Not hatte ich auf leichtverdientes Geld verzichtet, hatte Rezensionsaufträge abgelehnt, Pressetermine verbummelt und Redakteure nicht zurückgerufen. Es war mir zu anstrengend geworden, ständig mit einer Meinung aufwarten zu müssen. Schließlich wusste ich schon seit einigen Jahren nicht mehr genau, was gute und schlechte Literatur voneinander unterscheidet. Mit zunehmender Lektüre waren mir meine Kriterien abhanden gekommen. Das mag merkwürdig erscheinen, schließlich sollte man erwarten, dass sich ein kontinuierlicher Leseprozess auf die Fähigkeit zum scharfen literaturkritischen Urteil ausschließlich positiv auswirke. Doch das Gegenteil ist der Fall. Zumindest, was mich betrifft.
Eine Zeitlang spielte ich mit dem Gedanken, es mit Kulturkritik zu versuchen. So wäre es mir möglich, die Gegenwartsliteratur in toto zu ignorieren. Aber welche Last müsste ich gleichzeitig auf mich laden. Rechtzeitig erfuhr ich aus einem Aufsatz des Sinn und Form-Chefredakteurs Sebastian Kleinschmidt, was einen Kulturkritiker auszeichne. Dieser nämlich halte seiner Zeit vor allem "die metaphysischen Verluste" vor, "jene geistigen Einebnungen, wie sie durch die Mobilisierung des Menschen und die technische Aussperrung der Elemente hervorgerufen werden". Nun mag es sein, dass der Schriftsteller Gerhard Nebel, der hier charakterisiert wird, zu solch einer Haltung fähig war, was aber konnte ich den Verwerfungen der modernen Welt entgegensetzen. Sicher, ich verweigerte mich der Mobilisierung weitgehend - selbst der Weg von Oer-Erkenschwick ins nahegelegene Datteln erschien mir als Zumutung -, doch auf die Möglichkeit, mir die Elemente mit Hilfe der Technik vom Leib zu halten, hätte ich ungern verzichtet. Schließlich werden auch überzeugte Metaphysiker bei Regen nass. (Sebastian Kleinschmidt selbst schützt sich, wie das Autorenfoto seines vortrefflichen Essaybandes zeigt, gerne mit einer weißen Baseball-Kappe vor den Unbilden der Witterung.)
Anders als mancher Generationsgenossin aus dem so genannten Showgeschäft war es mir unmöglich, mich neu zu erfinden. Also tat ich nichts. Schaute stundenlang Dauerwerbesendungen im Fernsehen, ernährte mich von Toastbrot und Billigmargarine, trank kannenweise Kräutertee. Und wurde immer verzweifelter. Eines Nachts griff ich sogar wieder zu einer Neuerscheinung, einem ansprechend gestalteten Bändchen, das dreizehn aktuelle Geschichten versprach, "die die großen Fragenkomplexe unserer Gegenwart fiktionalisieren". "Ich komme in der Stadt an, es ist ein Mit-dem-Zug-Ankommen, ich weiß nicht, in welcher Stadt ich ankomme, kenne ihren Namen nicht", beginnt eine von ihnen. Große Fragen kommen da auf, fürwahr, es sind die Fragen, mit denen sich die Literatur der so genannten Moderne seit über hundert Jahren herumschlägt. Aber sind es auch meine Fragen? In einer anderen Geschichte lesen wir von Assja, die das Wasser "mit allen Sinnen" liebt, die gar nicht genug bekommt vom Wassertrinken und vom Baden. Ihre Eltern halten sie für verrückt, doch dann findet sie in Johannes einen, der sie gerade wegen ihrer Wasserbegeisterung liebt. Rätselhaft schön und nur scheinbar naiv finde ich diesen Text, aber auch viel zu lang. Doch mit welchem Recht sage ich das. Und was ermächtigt mich, eine weitere Erzählung, "Verloren gehen", nur deshalb öffentlich zu kritisieren, weil sie mich auf ungute Weise an Thomas Bernhard erinnert, dessen Roman Gehen meine Geduld vor vielen Jahren arg strapaziert hat. Damals war ich siebzehn und meinte, mich mittels derartiger Lektüre von meinen Hesse, Castaneda und Tolkien lesenden Altersgenossen abgrenzen zu können. Doch die Zeiten, da ich mir von schwierigen Büchern Distinktionsgewinn versprach, sind lange vorbei. Zweifelsohne kann Claudia Bitter, eine 1965 geborene Oberösterreicherin, von der die Geschichten dieses Buches aus dem just gegründeten Wiener Klever Verlag stammen, mit Sprache umgehen. Und viele der Texte wirken so, als wollte sie diese Fähigkeit immer wieder unter Beweis stellen. Wer Freude an virtuoser Wortkunst hat, macht deshalb nichts falsch, wenn er sich das Buch kauft. Das stelle ich hier vollkommen leidenschaftslos fest. Für mich selbst nämlich bedeutete die Lektüre in jener Nacht keine Rettung. Meine Urteilskraft wollte sich nicht wieder einstellen.
Wie beneidete ich in einer solchen Situation meinungsfreudigere Kollegen wie den britischen Journalisten Christopher Hitchens, der die Romane Philip Roths so sehr verabscheut, dass er, ohne Ermüdungserscheinungen zu zeigen, einen nach dem anderen im Atlantic Monthly verreißt. Was ihm wahrscheinlich stattliche Honorare einträgt. Probleme mit seiner Bank dürften Hitchens so fremd sein wie mir jenes Wohlgefühl, das nur ein gedecktes Konto erzeugen kann. Und nun hatte mich Herr Fliederbusch lächelnd in den Abgrund gestoßen. Ich würde das freie Kritikerdasein aufgeben und mir eine einträglichere Tätigkeit suchen müssen. Doch bevor ich meinen alten Freund Werner anrief, um nachzufragen, ob ich ihm auch mal für längere Zeit beim Restpostenverkauf unter die Arme greifen durfte, gönnte ich mir für eine Dreiviertelstunde ein so genanntes Hörbuch. Der Autor lasse "die Neurosen eines Bankangestellten aufblühen", hieß es auf dem CD-Cover, und das wollte ich mir nach meiner Erfahrung mit Herrn Fliederbusch nicht entgehen lassen. Matthias Kröners Novelle Der Trichter und sein Henker erzählt davon, wie das Leben eines braven Durchschnittsbürgers namens Ferdinand durch ein verhextes Geschenk auf den Kopf gestellt wird. Es handelt sich um einen Trichter, der in dem Bankangestellten den unbändigen Wunsch erweckt, Schriftsteller zu werden. Ferdinand ahnt nicht, dass er Teil eines perfiden Plans geworden ist, mit dem sich der vor 350 Jahren verstorbene Nürnberger Barockdichter Georg Philipp Harsdörffer posthum endgültig in die Literaturgeschichte einzuschreiben gedenkt. Denn zu seinem Leidwesen ist der einst berühmte Autor des Poetischen Trichters, einer praktischen Handreichung für angehende Dichter, nur noch Spezialisten bekannt. Das zu ändern, ergreift der eifersüchtige Poet von Ferdinand Besitz und lässt den arglosen Bankangestellten Freud und Leid einer schriftstellerischen Existenz erfahren. Diese fantastische Novelle ist ebenso amüsant wie lehrreich, und wird vom Autor selbst mit Verve vorgetragen. Augenblicklich besserte sich meine Laune, als ich mir vorstellte, wie Herr Fliederbusch vom Geiste eines vergessenen Kafka-Zeitgenossen heimgesucht wird. Und guten Mutes verschob ich meinen Telefonanruf auf den nächsten Tag.

 

Sebastian Kleinschmidt: Gegenüberglück. Essays. 260 Seiten. Matthes & Seitz. Berlin 2008. € 24,80.

Claudia Bitter: Verloren gehen. Erzählungen. 168 Seiten. Klever. Wien 2008. € 17,90.

Matthias Kröner: Der Trichter und sein Henker. Hörbuch. Wunderwaldverlag. Erlangen 2008. € 14,90.