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Charles Chadwick
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Claire Messud

 
Fritz Müller-Zech 55
Die Fritz-Müller-Zech-Kolumne
 

In Leipzig ist Buchmesse. Ich bin nicht dabei. Im Fernsehen wird der sympathische Erzähler Clemens Meyer gezeigt. Er springt vor Freude in die Luft, als ihm ein Buchpreis zuerkannt wird. Im Gespräch mit dem Kultursachverständigen Scobel erklärt der glückliche Meyer, wie sich Alltagsbegebenheiten in Geschichten verwandeln. Sehr schön, denke ich, hoffentlich haben viele dieses Lob des Erzählhandwerks gehört.
Ich bekomme keine Preise. Selbst bei Modellflugwettbewerben gehe ich leer aus. Deshalb befremdet mich die Einladung eines Herrn Büchner, an einem "Lyrikprojekt" teilzunehmen, ein wenig. Herr Büchner ist Verleger und Herausgeber der "Bibliothek deutschsprachiger Gedichte" und spricht seine Adressaten als "Kenner und Liebhaber der deutschen Sprache" an. Mit einem "selbstverfassten Gedicht zu einem Thema Ihrer Wahl", schreibt er, habe man die Chance auf "attraktive Preise im Gesamtwert von rund 6.000 Euro". Außerdem bietet der rührige Lyrikkaufmann einen Service für Dichter an, die sich über die Qualität ihrer Produkte nicht im Klaren sind.
Leider schreibe ich überhaupt keine Gedichte. Und wenn ich es täte, würde ich auf keinen Fall 95 Euro für ein zweieinhalbseitiges Gutachten über mein lyrisches Erzeugnis ausgeben wollen. Selbst die zehn Euro für ein "Basis-Gutachten" wären wahrscheinlich besser in die Aufstockung meiner Vorräte an arabischem Gewürztee investiert. Denn zufällig habe ich die vor sieben Jahren erschienene vierte Ausgabe der damals noch großspurig Nationalbibliothek des deutschsprachigen Gedichts betitelten Anthologie vor mir liegen und stoße beim willkürlichen Blättern auf Zeilen wie "Gefangen in der Stadt / zwischen Raum und Zeit / eingebettet in harten Beton / ohne jede Hoffnung auf Befreiung". Dem Verfasser wäre mit einer Schlagbohrmaschine wahrscheinlich besser gedient gewesen als mit einem, wie auch immer gearteten, Gutachten.
Ich selbst befreie mich übrigens aus solchen Zuständen gewöhnlich, indem ich einige der unverlangt eingesandten Lyrikbände, die mir die Redaktion dieser Zeitschrift zur Begutachtung anvertraut hat, in die Altpapiertonne werfe. Dann setze ich mich an die Schreibmaschine und kopiere einige schöne Sätze aus der Tagespresse. "Das Schlagzeilengewitter nahm an Stärke zu und seither auch nicht wieder ab", hieß es beispielsweise vor einigen Wochen in der "Welt". "Sie färbte sich die Haare, rasierte sich den Kopf kahl und tätowierte sich ein Sternchen auf die Hand. Zuletzt zeigten die Handybilder sie verheult am Straßenrand. Die Rede war von Drogen und von einem windigen Manager namens Sam Lufti." Das ist wahre Poesie. Wie gerne würde ich solche Zeilen zu Papier bringen. Allein, wo steckt die Britney Spears des Literaturbetriebs, kahlköpfig, tätowiert und verzweifelt? Clemens Meyer hat sich die Haare wachsen lassen, versteckt seinen Hautschmuck unter langärmeligen Hemden und ist offenkundig ein ziemlich fröhlicher Geselle. Und Charlotte Roche, die mit ihrem proktologischen Bestseller Feuchtgebiete selbst die feinsinnigsten Feuilletonisten zum Schwärmen bringt, zeigt sich in Interviews gewöhnlich gutgelaunt und reizt höchstens mit dem Bekenntnis, der Roman sei zu 70 Prozent autobiographisch, zu anrüchigen Spekulationen.
Aber was erzähle ich da? Mein schriftstellerischer Idealtypus ist doch eigentlich von ganz anderer Statur. Ein Mann nämlich wie Charles Chadwick, der im Alter von 72 Jahren mit einem Roman debütierte, an dem er fast drei Jahrzehnte gearbeitet hatte. Ein unauffälliger Mann lautet der treffende deutsche Titel dieses mehr als 900 Seiten starken Werkes, in dessen Mittelpunkt der kaufmännische Angestellte Tom Ripple steht. Zu Beginn des Romans, es sind die siebziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts, arbeitet er für eine internationale Handelsgesellschaft, lebt im Großraum London, ist verheiratet und hat zwei Kinder. Später begegnet er uns als alleinstehender Pensionär, seine Frau hat ihn verlassen und die Kinder sind erwachsen, in einem kleinen Ort in Suffolk. Und er schreibt auf, was geschieht. Denn Ripple ist nicht nur die Hauptfigur dieses Romans, sondern auch sein fiktiver Autor. Alles zu registrieren, was um ihn herum vorgeht und dann in eine lesbare Form zu bringen, ist seine geheime Leidenschaft. Dabei erweist er sich vor allem als ein Meister der kritischen Selbstreflexion: "Da ich dies nun anhand meiner Notizen niederschreibe, kann ich alles aus einer gewissen Distanz betrachten und sagen, dass meine Selbstachtung einen leichten Schlag abbekommen hat, aber ich könnte mich auch mit dem Gedanken trösten, dass diese Leute auf die eine oder andere Art ziemlich fürchterlich (irregeleitet, herablassend?) waren. Könnte ich das wirklich?"
Chadwick zeigt, wie eine durchschnittliche Biographie durch ihre Literarisierung Bedeutung gewinnt, ohne dass mit abgegriffenen Metaphern hantiert würde. Man mag sich gar nicht vorstellen, was ein Lyriker Tom Ripple so alles zusammengedichtet hätte. Als Chronist aber ist er uns hochwillkommen, da er es versteht, unser Interesse an den Dramen des Alltäglichen über so viele Seiten hinweg wachzuhalten. Weniger begeistert bin ich von der Übersetzung durch Klaus Berr, die sich einerseits zu wenig von den idiomatischen Vorgaben des Englischen löst, andererseits aber mit Vokabeln aufwartet, für die nord- und westdeutsche Leser zum Wörterbuch greifen müssen. Nachdrücklich empfohlen sei deshalb hier das englische Original mit dem schönen Titel It's All Right Now.
Trotz aller Sympathie übrigens, die Tom Ripple im Verlauf des Romans für sich zu mobilisieren versteht, gehörte meine wirkliche Zuneigung in den letzten Monaten einer anderen Romanfigur: Frederick Tubb heißt der Unglücksrabe, ein neunzehnjähriger korpulenter Studienabbrecher, der eine zentrale Rolle in Claire Messuds Gesellschaftssatire Des Kaisers Kinder spielt. Als wir ihm zum ersten Mal begegnen, liegt er gerade in der Badewanne und versucht, David Foster Wallace' tausendseitiges Epos Infinite Jest zu lesen, wobei er sich vorstellt, das dicke Buch einfach ins Wasser fallen zu lassen. Bootie, so lautet sein unseliger Spitzname, hat ein großes Leseprogramm: Moby Dick, Die Enden der Parabel, Krieg und Frieden. Später kommt noch Musils Mann ohne Eigenschaften hinzu. Man kann sich ausrechnen, dass die ehrgeizigen Lektürepläne scheitern. Und erkennt sich selbst für einen kurzen Augenblick in diesem Unglücksraben. Dann nimmt man die Fernbedienung zur Hand und beobachtet traurig, aber auch erleichtert, wie in den Leipziger Messehallen Neuerscheinungen in die Luft gehoben werden.

 

Charles Chadwick: Ein unauffälliger Mann. Roman. Aus dem Englischen von Klaus Berr. 924 Seiten. Luchterhand. München 2007. € 24,95.

Claire Messud: Des Kaisers Kinder. Roman. 542 Seiten. Aus dem Amerikanischen von Sabine Hübner. DVA. München 2007. € 24,95.